Als Baustellen noch eine Ansichtskarte wert waren

Ansichtskarte, ungelaufen, Sammlung Fez Brook

15. Mai 1929, Steirerhof, Jakominiplatz: Ein Gerüst steht an der Hausfassade. Ein Bus hält vor dem Steirerhof am Jakominiplatz – vielleicht bringt er neue Gäste. Ein weiteres Fahrzeug parkt davor; daneben steht eine junge Dame mit Hut auf dem Kopf und einem Regenschirm in der Hand. Auf wen sie wartet und ob sie überhaupt wartet, lässt sich an dieser Stelle nicht beantworten. Unklar ist ebenfalls, ob sich der 15. Mai auf den Zeitpunkt der Aufnahme oder auf die Besuchszeit im Hotel bezieht. Dass es sich jedoch um den Steirerhof handelt, ist gewiss; dafür bedarf es nicht einmal der Anmerkung auf der Rückseite, auf der ebenfalls das Datum vermerkt ist.

„Grand Hotel Steirerhof“ – Eine Institution

Zwischen 1905 und 1989 besteht das „Grand Hotel Steirerhof“. Ursula Kiesling, die Biografin des Hauses, hebt dessen „Brückenfunktion zwischen Stadt- und Landbevölkerung“ hervor, wodurch ein „Kommunikationsort der Stadt und der Region als kosmopolitische Verbindung mit internationalem Parkett“ (Kiesling, S. 5) entsteht. Das Grand Hotel Steirerhof ist eine Nachfolgeinstitution von dem „Haus zur Stadt Triest“, dessen Name seit 1790 belegt ist. Dieses profitiert bereits früh von der nahegelegenen Poststation, da mit den Postwagen auch Gäste nach Graz gelangen. Postkutscher und Mitreisende können im „Haus zur Stadt Triest“ übernachten, während im angeschlossenen Kaffeehaus vor allem Adelige Billard spielen.

„Grand Hotel Steirerhof“, ca. 1920 bis 1930 (geschätzt), Sammlung GrazMuseum

Das „Grand Hotel Steirerhof“ wird am 9. September 1905. Zuvor wird das Gebäude vom steirischen Bauernpolitiker Franz Hagenhofer erworben, der Versammlungsräume für seinen katholisch-konservativen Bauernverein sucht. Gemeinsam mit dem erfahrenen Hotelier Johann Winkler gestaltet Hagenhofer das Haus um und benennt es neu. Als „Zeichen der Neuerung“ (Kiesling, S. 13) erhält das neue Hotel eine nachts beleuchtete Uhr am Dachfirst. (Diese wird irgendwann im Jahr 1945 unter der russischen Besatzung abmontiert – seitdem tickt irgendwo in Russland die Zeit steirisch.) Zugleich werden Zugeständnisse an den Bauernverein gemacht: Dessen Mitglieder erhalten in der Bauernstube verbilligtes Essen.

Umbauarbeiten anno 1929

Seit Oktober 1910 leiten Carl und Therese Leeb das „Grand Hotel Steirerhof“, wobei sie von weiteren Familienmitgliedern unterstützt werden. Im Jahr 1928 entscheiden sie sich für eine Expansion und für Umbauarbeiten am in die Jahre gekommenen Stammhaus am Jakominiplatz. So wird das „Hotel Daniel“ am Bahnhof erworben; zugleich werden notwendige bauliche Veränderungen am „Grand Hotel Steirerhof“ geplant, die 1929 beginnen.

Das Motiv der Postkarte zeigt vermutlich das für diese Modernisierungsarbeiten errichtete Gerüst. Zwei weitgehend lesbare Firmenschilder verweisen auf die mit den Umbauten betrauten Unternehmen beziehungsweise Personen: die Gas- und Wasserleitungsinstallation Anton Hofstätter sowie den Stadtbaumeister Alexander Bleich.

Laut Ursula Kiesling wird die Firma Anton und Anna Hofstätter mit der Errichtung einer Zentralheizung, der Anbindung der Hotelzimmer an Warm- und Kaltwasser sowie mit dem Bau von acht Gästezimmern mit eigenem Bad und sechs Badezimmern zur allgemeinen Nutzung betraut. Zudem wird das Stromnetz modernisiert und alle Zimmer erhalten einen Telefonanschluss. Um zu vermeiden, dass die Gäste durch die Räume nach Stubenmädchen, Lohndienern oder Zimmerkellnern rufen müssen, installiert die Firma Siemens eine Lichtrufanlage mit Dreifarbensystem.

Eine interessante Randbemerkung zum Thema: Im Februar 1930 berichten sowohl das „Grazer Tagblatt“ als auch das „Grazer Volksblatt“ über den ersten weiblichen „Monteur für Gas-, Wasserleitungs- und Heizungsinstallationen“ in Österreich: Anna Hofstätter. War sie die gleichnamige Tochter von Anton und Anna – oder doch die Ehefrau des Installateurs? Übrigens gehörte diese oder jene Anna Hofstätter auch zur Familie Leeb. Jetzt wird es aber verwirrend – also Themenwechsel.

Zwei Automobile, viele Fragen

Vor dem Steirerhof parken zwei Fahrzeuge. Das hintere – wohl ein Autobus – trägt das Kennzeichen „AXVI 840“. Die Nummerierung verweist damit auf Wien, das bis 1939 den Buchstaben „A“ als Kennzeichen führte. Zwischen 1906 und 1939 wurde für die Steiermark der Buchstabe „H“ verwendet, wobei „K“ ab 1919 auf Graz verweist. Die weißen Tafeln mit schwarzer Schrift blieben bis 1930 in Gebrauch. Danach wurde das System umgekehrt: weiße Schrift auf schwarzen Tafeln. Nach einigem Hin und Her wurden die Tafeln schließlich wieder weiß, mit schwarzen Nummern.

Ist das linke Fahrzeug vielleicht ein Bus der Marke „Gräf & Stift„?

Das zweite Fahrzeug trägt die Autokennzahl „16.250“. Um welche Art von Nummer handelt es sich dabei? Vielleicht um ein Überstellungskennzeichen? Bei der Identifizierung der Autobesitzerinnen und Autobesitzer könnte die Datenbank des Technischen Museums Wien weiterhelfen. Doch beide Kennzeichen sind dort nicht verzeichnet.

Ein weiteres Thema bleibt ebenfalls offen: die Automarken. Ein Feld für Autoliebhaberinnen und Autoliebhaber. Auch hier muss ich passen – ich fahre Fahrrad. So endet dieser Blogartikel einmal mehr mit offenen Fragen. Die Wissenden unter euch sind herzlich eingeladen, in den Kommentaren Hinweise zu den Marken zu hinterlassen.

Literatur

Ursula Kiesling (2003): GRANDHOTEL STEIRERHOF GRAZ. Ein Stück österreichischer Hotelgeschichte.

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Eine Ergänzung von der zitierten Buchautorin Fr. Kiesling:

„Geboren als Anna Leeb, war sie die Nichte des Hoteliers und der Installateurbetrieb ihres Mannes Anton Hofstätter lag in der Gleisdorfergasse, gleich neben dem Hotel Steirerhof. Annas Bruder, Karl Leb (die Schreibweise ergab sich aus einem Schreibfehler am Geburtsort Burghausen, OÖ) war der Restaurantbetreiber/Hotelier ab 1938 (und mein Großvater). Ein weiterer Bruder der beiden war Univ Prof Anton Leb, nach dem eine Straße am LKH Graz benannt wurde.

Das Busunternehmen könnte mit Hr Linninger zu tun haben, aber das weiß ich nur vom Hörensagen…“

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