Der „Standlkrieg“ am Jakominiplatz

Ansichtskarte „Graz, Jakominiplatz“, Kartenproduktion 1937, Sammlung FezBrook

In dem letzten Blogartikel – „Als Baustellen noch eine Ansichtskarte wert waren“ – wird eine Brücke von einer Postkarte zu den Umbauarbeiten von 1929 im Steirerhof am Jakominiplatz geschlagen. Auch dieser Text nutzt Postkarten und zwei Fotos eines Bekannten als Quellen, um die Umgestaltungen vor dem Steirerhof zu skizzieren. Diesmal geht es um die Errichtung eines Parkplatzes vor dem Hotel.

Steirerhof in den 50er-Jahren

Bereits im August 1949 wird die Presse geladen, um die Fertigstellung einer neuen Empfangshalle zu besichtigen. Nur drei Jahre später, und zwar am 10. Mai 1952, wird wiederum ein neuer Hoteltrakt eröffnet, der durch die Überstockung des großen Spiegelsaals entsteht. Damit gewinnt das Hotel Raum für fünfzehn mit Baderäumen ausgestattete Gästezimmer. Doch dieser wirtschaftliche Erfolg wird durch einen persönlichen Schicksalsschlag überschattet: Bei Karl Leb (Karl mit „K“ verliert tatsächlich und mir aus unbekannten Gründen ein „e“ im Nachnamen.) – er übernimmt die Leitung von seinem Onkel Carl Leeb – wird kurz nach der Eröffnung Krebs diagnostiziert, an dem er bald darauf auch verstirbt. Die alleinige Leitung hat nun seine Frau Mathilde inne.

Detail der Ansichtskarte „Graz, Jakominiplatz“, Kartenproduktion 1937, Sammlung FezBrook

Mathilde Leb, die laut Steirerhof-Biografin Kiesling als „Frau Sacher von Graz“ oder „Grand Dame vom Steirerhof“ tituliert wird, führt weiterhin erfolgreich das Hotelgeschäft. Ihre Leistung wird nicht übersehen, sodass ihr der Titel „Kommerzialrat“ verliehen wird und sie später mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Steiermark sowie dem Bürgerbrief der Stadt Graz geehrt wird.

Mathilde Leb reagiert auf die Veränderungen und Bedürfnisse der Zeit. So wird 1956 der erste Fernsehapparat im Café des Hotels aufgestellt, womit der Steirerhof zumindest für kurze Zeit eine neue Attraktion erhält. Ein weiteres Zugeständnis an den Zeitgeist ist die Reaktion auf den steigenden Individualverkehr. Mit der wachsenden Zahl an Privatautos erhöht sich nämlich die Nachfrage nach Parkplätzen, und das ist ein nicht unwichtiges Thema für das Hotel, da immer mehr Gäste mit dem eigenen Fahrzeug anreisen.

Ansichtskarte „Graz, Jakominiplatz mit Hotel Steirerhof“, gelaufen 1952, Sammlung FezBrook.

Der „Standlkrieg“ am Jakominiplatz

Von dem neuen Parkplatz erfahren die weniger gut informierten Grazerinnen und Grazer aus der Zeitung. So berichtet am 9. Juli 1955 die „Südost-Tagespost“ von bereits ziemlich konkreten Parkplatzplänen. Die besser informierten Personen wissen das sicherlich schon längst, da diese Umgestaltung des Jakominiplatzes auch einige Verkaufsstände betrifft, die dafür geräumt werden müssen. Die Standler und Standlerinnen haben ihre „Begeisterung“ über das Vorhaben sicherlich ihrer Kundschaft mitgeteilt und diese verbreitete die Informationen vermutlich weiter.

„Schweizer Käsehaus“, um 1930, Privatsammlung. Das „Schweizer Käsehaus“ steht links neben der Verkaufsbude von Franz Schall.

Auf Postkarten aus der Zeit sind noch die Verkaufsstände zu erkennen, die in Dreiecksform den Jakominiplatz vor dem Steirerhof zieren. Dazu zählt unter anderem das „Schweizer Käsehaus“, dessen Inhaber laut Adressbuch von 1930 Heinrich Schulte ist. Daneben sind aber auch noch Standeln mit Fleischwaren von Ninaus, J. Reistenhofer und Franz Schall sowie eine Ölhandlung zu sehen.

Nicht alle Standler wollen sich ihrem Schicksal fügen und der Verkehrswende Tribut zollen. So berichtet die „Kleine Zeitung“ vom 3. August 1956 von einem „Standelkrieg“:

„Vor allem die beiden „Großen“, die Fleischermeister Reistenhofer und Ninaus, stellen sich „auf die Hinterfüße“. Die beiden Firmen hatten hier vor wenigen Jahren, in gutem Glauben, feste Betonkioske errichtet, die ihr unbestreitbares Eigentum darstellen. Und nun verlangen sie von der Gemeinde eine Ablöse, die nicht nur dem Wert des Kioskes selbst, sondern auch dem Wert, der sich durch den sorgsamen Aufbau eines großen Kundenstockes ergibt, entsprechen soll. Sie nennen dabei Ziffern, die in die Hunderttausende gehen.“

An dieser Stelle kann nicht beantwortet werden, wie sich die Stadt mit den Standlern geeinigt hat. Klar ist jedoch, dass am Ende ein „wunderschöner Parkplatz“ entsteht, der den Bedürfnissen der Zeit entspricht. 70 Jahre später ist dieser Parkplatz dann auch nur noch eine auf Postkarten festgehaltene Erinnerung.

Detail einer ungelaufenen Ansichtskarte des Verlags „Helmut Winkler“, Sammlung FezBrok

Literatur:

Ursula Kiesling (2003): GRANDHOTEL STEIRERHOF GRAZ. Ein Stück österreichischer Hotelgeschichte.

Parkplatz vor dem „Steirerhof“. Südost-Tagesport, 9. Juli 1955, Seite 5.

Der „Standlkrieg“ am Jakominiplatz. Kleine Zeitung, 3. August 1956, Seite 6.

Die Artikel der „Kleinen Zeitung“ und der „Südost-Tagespost“ sind in der Steiermärkischen Landesbibliothek auf Mikrofilm zu finden.

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