Ein Neubau in der Gartenstadt: Marburgerstraße 11

Graz, Marburgerstraße 11, Foto Fez Brook, 2026

Diesmal geht es um die Marburgerstraße 11 – um ein Haus, das am Rande der Gartenstadt in St. Peter steht und scheinbar allmählich aber doch verfällt. In meinem Blogartikel „Biografie (m)einer Straße“ habe ich diese Hausgeschichte bereits angekündigt, ohne Näheres zu verraten.

Auf dieses Haus bin ich nur aufmerksam geworden, weil mich ein Verkäufer auf Willhaben darauf hingewiesen hat. Da ich in dieser Gegend eigentlich nur selten unterwegs bin, gilt ihm an dieser Stelle nochmals mein Dank.

Die Familie hinter dem Bauvorhaben

Im Oktober 1921 ersucht Valentin Junker den Gemeinderat in St. Peter „um gefällige Vornahme des Lokalaugenscheines“, da er auf seiner Parzelle in der Gartenstadt St. Peter die Errichtung eines Einfamilienhauses plant. Der Gesuchsteller unterzeichnet nicht nur „ergebenst“, sondern verweist zugleich auf seinen beruflichen Status: Valentin Junker ist „Verwalter bei der Bundeserziehungsanstalt für Knaben in Liebenau bei Graz“. Über sein Privatleben lässt sich aus diesem Ansuchen zunächst kaum mehr erfahren.

Kadettenschule in Liebenau, ca. 1915 bis 1919, Sammlung GrazMuseum

Ein weiteres Ansuchen aus dem Januar 1924, das bereits die Benutzung des fertiggestellten Hauses betrifft, nennt zudem den Namen einer Frau, die ausdrücklich als seine „Gattin“ bezeichnet wird: „Rosa“ – ein für die Gartenstadt durchaus passender Vorname.

Auch zeitgenössische Zeitungen berichten über einen Valentin Junker: So trauern Valentin und Rosa Junker um ihr „innigstgeliebtes Söhnchen“ Wilhelm, das nach „schwerem, langem Leiden“ sanft entschlafen ist. Der Schüler, der bis zu seinem Tod die 2. Klasse des I. Staatsgymnasiums – heute das Akademische Gymnasium – besuchte, wurde auf dem evangelischen Friedhof bestattet („Tagespost“, 4. 2. 1923). Er hinterließ neben seinen Eltern auch seinen Bruder Harald.

Es scheint, als hätten die Junkers erneut Nachwuchs bekommen, und zwar wieder einen Sohn. Zwischen dem 1. und 31. Dezember 1924 wurde Alfred, der Sohn eines Valentin Junker – im Zeitungsartikel als „Bundesbuchhalter in Liebenau“ bezeichnet –, in der evangelischen Pfarre in Graz getauft („Neues Grazer Tagblatt“, 22. 1. 1925). Die Mutter des Kindes bleibt in der Meldung unerwähnt.

Mit ChatGPT bearbeitete Anzeige aus der „Tagespost“ vom 4. 2. 1923, Sammlung ÖNB/ANNO

Ein Neubau in der Gartenstadt

Die Wahl des Standorts für den Neubau fällt auf die Gartenstadt in St. Peter. Die Idee der Gartenstadt geht dabei auf den Briten Ebenezer Howard (1850–1928) zurück, der 1898 in England ein Modell planmäßiger Stadtentwicklung entwickelt. Charakteristisch für dieses Konzept sind naturnahe Siedlungen mit großzügigen Grünflächen und eigenen Gärten, die den Bewohnerinnen und Bewohnern eine höhere Lebensqualität ermöglichen sollen. Die Gartenstadt versteht sich damit als Gegenmodell zu den dicht bebauten und gesundheitlich belastenden Großstädten des Industriezeitalters.

Laut dem Adressbuch von 1920 umfasst jedenfalls die Villenkolonie in St. Peter 30 Hausnummern, von denen sechs dem „Wohnungsfürsorgeverein Steiermark“ gehören. Die Villen gelten als Ausdruck eines historisch-romantischen Zeitgeists, der „eine neue Bewohnerschicht in die Vorstadtgemeinde“ lockte. Zugleich suchten hier auch „etablierte Aufsteiger aus der Gewerbeszene von St. Peter“ einen standesgemäßen Wohnort.*

Ansichtskarte „St. Peter bei Graz“ mit dem Grazer Cottageviertel, 1909 (Kartenproduktion), Sammlung GrazMuseum

Die Anlage entsteht auf den Gründen von Heinrich Graf von Attems-Petzenstein (1834–1909), der hier 1874 die erste „Samencultur-Station“ eröffnete. Ziel dieser Einrichtung war es, die Samenzucht in Österreich zu fördern sowie eine theoretische und praktische Ausbildung im Gartenbau anzubieten. Um 1900 erwerben Richard Rougon und Therese Fasold die Grundstücke von Attems-Petzenstein; die ersten Villen werden 1902 fertiggestellt. Die Gartenstadt gilt zu dieser Zeit als das „erste Grazer Cottageviertel“.

Die von Richard Rougon errichteten Häuser werden an verschiedene Personen verkauft, darunter auch an den Architekten Andreas Gisshammer. Dieser entwirft 1912 eine Gartenstadt mit Ein- und Zweifamilienhäusern, Gemeinschaftseinrichtungen und Freizeitangeboten. Das für den „Wohnungsverein für Steiermark“ geplante Projekt gerät jedoch 1922 in wirtschaftliche Schwierigkeiten.**

Eine illustre Nachbarschaft

Das Haus der Familie Valentin Junker entsteht auf der Parzelle 88/62. Aus den Akten geht nicht hervor, wer das Grundstück an die Familie Junker verkaufte oder ob es möglicherweise vom „Wohnungsverein für Steiermark“ erworben wurde. Die Nachbarparzellen gehören jedoch Maria Lang, Franz Riödy und Josef Röttl. Letzterer war Mauermeister in St. Peter und trat zugleich beim Hausbau als Sachverständiger auf.

Im November 1924 ist das Haus schließlich fertiggestellt und der „Bewohnungs- und Benützungskonsens“ für das vom Grazer Mauermeister Konrad Reyer (Hasnerplatz 4) errichtete Einfamilienhaus wird erteilt. Angemerkt wird lediglich, dass der im Keller geplante Wohnraum „nur zur Unterbringung von Familienangehörigen oder Dienstboten benützt werden“ darf. Die Unterbringung einer Mietpartei wird hingegen aus sanitären und baulichen Gründen nicht gestattet.

Mit Valentin Junker zieht ein Beamter in die Gartenstadt ein. Im Vergleich zur Familie Aita, die ihren Wohlstand mit der Ziegelproduktion erlangte, zählt er zwar zu den weniger prominenten Persönlichkeiten, dennoch macht auch er Karriere: Für seine Leistungen im Bildungsbereich wird ihm 1931 von dem Bundespräsidenten der Titel „Amtsrat der Bundesverwaltung“ verliehen. („Grazer Volksblatt“, 15.01.1931)

Graz, Marburgerstraße 11, Foto Fez Brook, 2026

Literatur

*Dienes, Gerhard M.; Kubinzky, Karl A. (1993): St. Peter. Geschichte und Alltag. Broschüre zur gleichnamigen Bezirkausstellung Herbst 1993.

** Preis-Verzeichnis der Gräfl. H. Attems`schen Samencultur-Station in St. Peter bei Graz, Graz 1880. Zitiert nach Dorfer, Brigitte und Kühnelt, Irmela (2025): Die Gartenstadt. In: Klingernberg, Heinrich: Biografie (m)einer Straße. Grazer Wohnorte im Portrait. Ergebnisse eines intergenerationellen Mitmacheprojekts. 3. Auflage.

Die Bauakten sind im Stadtarchiv Graz einzusehen.

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