Im April 1938 befindet sich Graz in einem Ausnahmezustand. Die Murmetropole erwartet Adolf Hitler, der nicht zufällig zu Besuch kommt. Der Zeitpunkt seines Besuches ist bewusst vor der Volksabstimmung am 10. April gewählt. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 12. März 1938 und dem formellen „Anschluss“ am 13. März 1938 ist Österreich faktisch und rechtlich Teil des Deutschen Reiches. Nun gilt es auch dies zu legitimieren, das heißt, es als den Willen des Volkes darzustellen. Sein Besuch ist dabei nur ein Höhepunkt vieler weiterer Veranstaltungen, die die „Volksgemeinschaft“ beschwören.
An die in der Stadt vorherrschende Jubelstimmung werden sich später wohl nur noch wenige erinnern wollen. Stattdessen ist die „Opferthese“ beliebt – eine Deutung, die angesichts der zahlreichen Bilddokumente nur schwer zu glauben ist. Zu diesen Bilddokumenten zählen auch private Fotografien, die die Ereignisse aus der Perspektive einzelner Zeitzeugen und Zeitzeuginnen festhalten. Mit dabei ist jedenfalls einer mit seiner Fotokamera, der diesen Tag dokumentiert. Er ist aus St. Peter (Graz) und hält die Ereignisse fest. Ihm geht es offenbar um die Begeisterung und die Stimmung dieses Tages – und zwar nicht aus der Sicht eines Kritikers, sondern eines Befürworters.

Einwandfreier Leumund
Der im Mai 1906 geborene Wilhelm Heiker ist zumindest bis Juni 1934 als Aufsichtsbeamter im öffentlichen Dienst tätig. Da er jedoch „ein regierungsfeindliches Verhalten an den Tag“ gelegt hat, wird er entlassen. Dies geht aus einer langen Liste hervor, die in der „Salzburger Chronik für Stadt und Land“ (25. Juni 1934, S. 4) veröffentlicht wird. Auffällig ist, dass darin im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders viele Steirer und Steirerinnen genannt werden.
Dass Wilhelm Heiker kein Kommunist ist, geht aus einem Schreiben vom Februar 1942 hervor, welches im Zusammenhang mit seiner Beförderung zum Kriegsverwaltungsinspektor steht. Darin wird er von dem Baurat Gustav Meninger wie folgt beschrieben: „Während seiner langen Tätigkeit als Amtsträger in der NSDAP-Ortsgruppe Waltendorf hat er sich auch als aufrechter und offener Charakter bewährt und seine nationalsozialistische Einstellung unter Beweis gestellt.“ Hinzu kommen weitere Erklärungen und Nachweise, die seine arische Abstammung sowie seinen einwandfreien politischen Leumund im nationalsozialistischen Sinne hervorheben. Heiker, Kassierer der NSDAP-Ortsgruppe Waltendorf, nennt als Bürgen für seine politische Zuverlässigkeit die Ortsgruppenleitung der NSDAP Waltendorf, die Direktion seiner Dienstbehörde in der Schönaugasse sowie den Hauptschullehrer Franz Neumann.

Überall Hakenkreuze
Mit seinen Fotografien eröffnet uns Heiker im wahrsten Sinne des Wortes einen Blick auf die Begeisterung, die in der Stadt vor dem Besuch Hitlers herrscht. In der „Tagespost“ ist zu lesen: „Alle sind sie mit dabei, die Häuser zu schmücken, selbst die kleinste Hütte und die schlichteste Arbeiterwohnung ist Fenster für Fenster mit Hakenkreuzfähnchen geschmückt. Große Fahnen wehen von den Fabriken, den Bahnhöfen, und kein Haus, aber auch keines, ist ausgelassen.“ („Tagespost. Morgenblatt“, 3. April 1938, S. 3). Einige Seiten weiter heißt es: „Die Gartenstadt als Fahnenmeer.“

Die Stadt ist mit Blättergirlanden, Fahnen und Fähnchen geschmückt und wird in den Nachtstunden von Lichterketten erhellt. Zur Ausschmückung gehören auch Hitler-Porträts, etwa die großformatige Fotografie am Hauptplatz. Besonders dicht dekoriert sind die Herrengasse und die Sporgasse, die sich als regelrechte Meere aus Hakenkreuz-Fahnen und -Fähnchen präsentieren. Politisch bedeutsame Gebäude wie das Rathaus oder das in der Ersten Republik sozialdemokratisch geführte „Hotel International“ werden besonders aufwendig beflaggt. Dazu gehört natürlich auch der Sockel des ehemaligen Dollfuß-Denkmals am heutigen Opernring, der mit einer Hakenkreuz-Girlande geschmückt wird.
Die propagandistische Inszenierung beschränkt sich jedoch nicht auf die Innenstadt und die Straßen, durch die Hitler fahren wird. Mit Stolz wird in den Zeitungen berichtet, dass auch die entlegensten Plätze und Gassen geschmückt seien. Den Leserinnen und Lesern wird so „ein prächtiges Bild“ („Kleine Zeitung“, 2.4.1938, S. 2) vermittelt – nicht nur in Worten, sondern auch durch Fotografien. Vieles davon sei, so behauptet die „Kleine Zeitung“ in derselben Ausgabe, bereits vor den amtlichen Weisungen erfolgt. Die Grazer Bevölkerung wird dabei als besonders eifrig dargestellt.

Keinem Zufall überlassen
Es ist jedoch nicht so, dass da etwas dem Zufall überlassen wird. Vielmehr unterliegen diese Verschönerungsarbeiten einem eingespielten Architektenteam unter der Leitung von Dr. Ing. Hermann Wengert, das bereits in der Verbotszeit der NSDAP zusammenarbeitet. Da allen nationalsozialistischen Festen „eine gemeinsame Linie eigen sein soll“ („Kleine Zeitung“, 01.04.1938, S.2) – heute würden wir wohl von einer Corporate Identity sprechen –, sind sie dem Reichsarchitekten Albert Speer unterstellt.
Das Ergebnis entspricht offenbar den Erwartungen der Verantwortlichen. So heißt es in der „Tagespost“: „Graz, die „Hochburg der Bewegung“, bietet ein farbenprächtiges Bild nationaler Erhebung. Es ist zu erhoffen und zu erwarten, daß die ganze Steiermark in dem Bestreben, ihre Gesinnung durch Fahnenschmuck feierlich und festlich zu bekunden, ihrer Hauptstadt naheifern wird!“ („Tagespost. Morgenblatt“, 3.4.1938, S. 10) Die Formulierung „zu erhoffen und zu erwarten“ verbindet den Anschein von Freiwilligkeit mit einem klaren politischen Anspruch. Wer sich diesem öffentlichen Bekenntnis entzog, lief Gefahr, als Gegner oder zumindest als politisch unzuverlässig wahrgenommen zu werden.

Damit die propagandistisch gewünschte Inszenierung möglichst flächendeckend umgesetzt werden kann, werden entsprechende Institutionen geschaffen. Als zentrale Anlaufstelle für die Verschönerungsmaßnahmen fungiert die NSDAP-Gauwahlleitung Steiermark in der Landhausgasse, deren Telefonnummer in der Presse veröffentlicht wird. Dort wird nicht nur Beratung angeboten, sondern auch die Weiterleitung von Bestellungen an die in Betracht kommenden Firmen übernommen.
Zugleich reagieren zahlreiche Grazer Geschäfte auf die steigende Nachfrage und erweitern ihr Sortiment um nationalsozialistische Propagandaartikel. Im Papiergeschäft von Adolf Janoud in der Rösselmühlgasse 14 können neben Schulartikeln auch Fackeln, Hakenkreuzabzeichen und Hitler-Karten erworben werden. Bei „Funke & Loos“ in der Annenstraße 18 und der Murgasse 13 werden Hakenkreuzfahnen, Wimpel, Armschleifen und Wimpelstangen für NSKK, SA und SS angeboten. Wimpel in besonderer Ausführung führt wiederum A. G. Greinitz in der Griesgasse 10 – um nur einige der Geschäfte zu nennen, die von der nationalsozialistischen Festinszenierung wirtschaftlich profitieren.

Nächste Woche, am Sonntag, erscheint „Hitler in Graz. Teil 2: Der Rausch der Masse“.
Fotos
Die verwendeten Fotos stammen aus der Sammlung O’Connell. An dieser Stelle danke ich herzlich für die freundliche Genehmigung, diese Fotos verwenden zu dürfen.
Verwendete Literatur
Bouvier, Friedrich; Reisinger, Nikolaus (Hg.): Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Band 44: „Graz 1914 – 1934 – 1944 … und darüber hinaus …“. Graz 2015.
Bouvier, Friedrich; Valentinitsch, Helfried (Hg.): Historisches Jahrbuch der Stadt Graz. Band 18/19: Graz 1938. Graz 1988.
Halbrainer, Heimo; Lamprecht, Gerald: Nationalsozialismus in der Steiermark. Opfer. Täter. Gegner.StudienVerlag, Innsbruck 2015.
Halbrainer, Heimo; Lamprecht, Gerald; Mindler, Ursula (Hg.): NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2012.
Die Artikel der „Kleinen Zeitung“ und der „Tagespost“ sind im Steiermärkischen Landesarchiv einsehbar. Für diesen Blogartikel wurden die Ausgaben vom 1. bis zum 5. April 1938 verwendet.
