Lange Zeit steht das Haus Josefigasse 61 im Schatten seiner höheren Nachbarbauten. Diese entstehen in den 1960er-Jahren – in einer Phase, in der der Lendplatz und seine unmittelbare Umgebung umgestaltet werden.
Die wohl unscheinbarste Neuerung ist die geplante Aufstellung eines Milchautomaten am Lendplatz. Ein solches Gerät wurde bereits zuvor am Jakominiplatz installiert (Neue Zeit, 12.04.1962). Die bis heute sichtbarste Veränderung ist jedoch die Errichtung des Hochhauses an der Ecke Keplerstraße/Lendplatz. Der Bau beginnt 1962 und wird 1966 abgeschlossen. Während der Bauzeit können sich die Arbeiter am Milchautomaten mit frischer Milch versorgen oder das Haus Josefigasse 61 aufsuchen, in dem sich laut Adressbüchern eine Kaffeeschenke befindet.

Doch das ist inzwischen Geschichte. Das Haus wird im Februar 2026 abgerissen. Der Milchautomat dürfte schon deutlich früher verschwunden sein – zudem ist mir unklar, wo genau er aufgestellt war, da der zitierte Artikel dazu keine näheren Angaben macht.
Kleine Anpassungsarbeiten für ein Lokal
Die ältesten Akten im Stadtarchiv Graz zum Haus Josefigasse 61, jedenfalls jene, die ich gesehen habe, reichen bis in das Jahr 1886 zurück. Im Herbst dieses Jahres sucht der Hausbesitzer Simon Klöckl um die Genehmigung einiger Umbauarbeiten an. Aus dem vorhandenen Bericht vom Oktober dieses Jahres geht hervor, dass „ die Herstellung einer Holzlage, eines Abortes ferner die Umstaltung von schließbaren Rauchfängen in rußische Zilinder u. die Ausführung von Sparherden an Stelle von offenen Herden“ sowie „die Herstellung von einer Thüre an Stelle eines gassenseitiges Fensters u. anderen Herstellungen, beantragt“ wird. Weiters ist zu lesen, dass durch „diese Umstaltung […] die Herstellung eines gassenseitigen Lokales in Ebenerdgeschoße in ein Schenklokal beabsichtigt“ wird. Die Hausnummer lautet zu diesem Zeitpunkt noch nicht 61, sondern 49. Unter dieser Hausnummer ist im Adressbuch von 1890 zwar nicht Simon Klöckl, wohl aber eine Frau namens Maria Klöckl gelistet – vielleicht seine Tochter oder Ehefrau.

Simon Klöckl ist wohl nur einer aus einer Reihe von Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern des Hauses in der Josefigasse. So wird das Haus von Hans Pirchegger im „Häuser- und Gassenbuch der Vorstädte am rechten Murufer“ in der Publikation „Geschichte der Stadt Graz“ (1960), Band II, des Historikers und Archivars Fritz Popelka erwähnt. Dessen Werk bildet noch immer eine wichtige Grundlage für die historische Forschung zu Graz. Pirchegger führt Klöckl zwar nicht an, wohl aber Josef Brünner, der ebenfalls in den Akten des Stadtarchivs Graz aufscheint.
Auch in den Zeitungen kommen immer wieder Namen im Zusammenhang mit der Josefigasse 61 bzw. 49 (der vorhergehenden Hausnummer) auf. Der Name „Klöckl“ im Zusammenhang mit der Josefigasse taucht dabei in den Jahren 1893/94 auf, wobei es sich hierbei um einen Trödler oder eine Trödlerin handelt: „Zu kaufen gesucht. Militär- u. Civilkleider und Goldborten kauft G. Klöckl anfangs Josefigasse.“ („Grazer Tagblatt“, 17.04.1894)

Wechselnde Betreiber einer Kaffeeschenke
Spätestens ab 1902 wird in der Josefigasse 61 eine Kaffeeschenke betrieben. So ist am 23. September dieses Jahres im „Grazer Tagblatt“ zu lesen, dass „Katharina Polster, Josefigasse Nr. 61, Gast- und Schankgewelbe mit den Berechtigungen zur Verabreichung von Kaffee, Thee, Schokolade, anderen warmen Getränken und Erfrischungen“ betreiben darf. Für dieses Etablissement wird im März des darauffolgenden Jahres auch ein „Junges Cafémädchen“ („Tagespost“, 08.03.1903) gesucht. Ob das passende Personal gefunden wurde, kann jedoch an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Konkurrenz ist jedenfalls groß und gutes Personal wird wohl überall gesucht. Denn im Jahr 1900 gibt es in Graz 122 Kaffeeschenken, wobei zehn Jahre später die Zahl schon auf 143 gestiegen ist.* Darüber hinaus existieren zahlreiche Kaffeehäuser, Weinstuben, Schankwirtschaften, Gasthäuser, Einkehrgasthäuser und Hotels, die ebenfalls Fachpersonal suchen.
Bei dieser Konkurrenz verwundert es daher nicht, dass die Kaffeeschenke bereits 1904 eine neue Leitung erhält. Es sind Franz und Maria Moritsch, die in einer großen Anzeige im „Arbeiterwille“ auf ihre „Volks-Kaffee-Übernahme“ verweisen. Sie werden auch in den Adressbüchern von 1905 und 1910 als Eigentümer der Josefigasse 61 geführt. Ab 1915 sind es dann Alois und Anna Moritsch, die das Haus und die Schenke übernehmen. In welchem Verwandtschaftsgrad Moritsch und Moritsch zueinanderstehen, kann hier allerdings nicht beantwortet werden. Nur erwähnt werden soll, dass die Kaffeeschenke nicht unbedingt durchgehend von einem Moritsch geleitet wurde: So ist im Adressbuch von 1910 in einer Klammer Wenzel Mischke und 1920 Maria Stergeth angeführt.

Billiges Wohnquartier
Ein weiterer Name, der in den bis 1938 im Stadtarchiv Graz einsehbaren Aktan auftaucht, ist der von Josef Brünner, der im Adressbuch von 1930 als Kaffeeschenker bezeichnet wird. In den zumindest einsehbaren Akten – jüngere Bauakten werden nur Eigentümerinnen bzw. Eigentümern vorgelegt – geht es aber nicht um seine Kaffeeschenke. Vielmehr geht es um Bewohnung von Räumen, die dafür nicht bestimmt sind. Aus diesem Grund wird im Juli 1936 ein Räumungsauftrag von dem Bauamt ausgesprochen:
„Vom Baupolizeiamt wurde erhoben, dass ein ehemaliger Werkstättenraum und eine Waschküche in ebenerdigen Hofgebäude der Liegenschaft Josefigasse 61 ohne behördl. Bewilligung für Wohnzwecke in Benützung genommen wurde. Die beiden Räume entsprechen keinesfalls der an Wohnräumen u stellenden Anforderungen gemäss der Grazer Bauordnungen und sind überdies die Aussenwände sehr feucht. Nach dem Gutachten des städt. Gesundheitsamtes sind diese Räume für diese Wohnzwecke als nicht geeignet zu bezeichnen.“
Brünner hat zwar bereits zuvor einen Antrag auf die Erteilung einer Wohnbewilligung gestellt, diese wird ihm aber nicht erteilt. Er bittet somit
„um Verlängerung der mir erteilten Räumungsfrist vom 15. Juli bis 1. Oktober 1936 betreffend den als Wohnraum benützten Waschküchen- u. Werksstättenraum beim Hause Josefig. 61, damit ich die dortigen Parteien nicht auf die Straße stellen muß und diese Gelegenheit und Möglichkeit haben, sich wo anders ein entsprechend billiges Quartier zu beschaffen.“
Diese Frist wird ihm jedenfalls gewährt und er hält sich tatsächlich an die Vorgabe. So wird vom Baupolizeiamt im Februar 1937 festgehalten, dass „die beiden Räume des Hofobjektes der Liegenschaft Josefigasse 61, nicht mehr für Wohnzwecke benützt werden. Der nördl. der beiden Räume steht dzt. leer, der südl. Raum wurde wieder seinem ursprünglichen Zweck zugeführt. Dzt. Ist weiter nichts zu veranlassen.“
Ruhe kehrt nicht ein
Die weitere Geschichte des Hauses Josefigasse 61 nach 1938 kann ich nur anhand von Zeitungen und Adressbüchern als Quellen skizzieren. Eines lässt sich sagen: Ruhe kehrt nicht ein, denn die Josefigasse wird zumindest in der sozialdemokratischen Zeitung „Neue Zeit“ der späten 1940er-Jahre als Musiktreff beworben. Der Café-Name variiert dabei; das liegt teilweise daran, dass es die Zeitung mit der Rechtschreibung nicht so genau nimmt. Zu lesen ist von „Café Brüner“ („Neue Zeit“, 10.2.1946), „Café Bruner“ („Neue Zeit“, 3.3.1946) und – beim dritten Versuch endlich richtig geschrieben – von „Café Brünner“ („Neue Zeit“, 27.3.1946).

Ab April 1946 ist dann vom „Josefihof“ die Rede, wo „Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag Tanz-und Stimmungsmusik“ („Neue Zeit“, 6.5.1946) gespielt wird. Unter anderem tritt in diesem Lokal „Die Lustige Grazer Bauernkapelle“ („Neue Zeit“, 6.12.1946) oder das „Einmann-Orchester mit Sepp Grazer“ („Neue Zeit“, 18.3.1948) auf.
Ab den 1960er-Jahren ändern sich die Eigentumsverhältnisse. Berta Pischelberger übernimmt die Liegenschaft in der Josefigasse 61. Im Adressbuch von 1965 ist sie auch in der Rubrik „Kaffeeschenker“ zu finden. Im Adressbuch von 1978 wird das Etablissement in der Rubrik „Kaffeehaus“ angeführt. Zusätzlich wird angegeben, dass es seit 1957 als „Wiederbetrieb“ besteht. Als Betreiberin wird Berta Wirnsberger genannt. Ohne es mit Sicherheit sagen zu können, vermute ich, dass es sich bei Berta Pischelberger um Berta Wirnsberger handelt – möglicherweise eine Namensänderung durch eine Veränderung des Familienstandes oder durch Eheschließung.

Lend als Rotlichtmilieu
Wann kommt nun aber das Laufhaus? Denjenigen und derjenigen, die nur deswegen den Artikel gelesen haben, muss ich die Antwort schuldig bleiben: Ich weiß es nicht. Eine gewisse Tradition für solche Lokale gab es jedenfalls schon länger. So waren der Lendplatz und seine unmittelbare Nachbarschaft, wie die Kulturanthropologin Elisabeth Katschnig-Fasch auf Gerhard Dienes verweisend schreibt, auch der unsicherste Teil von Graz – in gewissem Sinne ein Spielraum für Strolche, Abenteurer und Dirnen. Sie schreibt in ihrem Artikel von 1985:
„Das klassische Kaffeehaus ist [im Lend] nicht zu finden, man könnte es zutreffender als Einraum-Gasträume mit Nachbetrieb charakterisieren. Hinter vielen als „Cafe“ oder „Espresso“ deklarierten Lokalen verbergen sich Animierlokale und Stätten verbotener Glücksspiele, die von jeher in die Vorstadt abgedrängt wurden. […] Da gibt es das Espresso für die Zuhälter, das Cafe für die Hausfrauen, das Gasthaus für die Pensionisten und jenes für die Sandler, die Weinstube für die Arbeitslosen und die Bar für die Geschäftsleute, das bürgerliche Restaurant für die „anderen“ usw.“**
Das ist wohl weitgehend längst Geschichte … In der Kommentarspalte ist jedenfalls genug Platz für die Erinnerungen.

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Der Bauakt ist im Stadtarchiv Graz einzusehen.
Weitere Literatur:
*Kropač ,Ingo H. (1985): Das Gast und Schankgewerbe vom Beginn des 19. bis ins 20. Jahrhundert. In: Grazer Gastlichkeit. Beiträge zur Geschichte des Beherbungs- und Gastgewerbes in Graz, S. 33–45.
**Katschnig-Fasch, Elisabeth (1985): „Im Wirtshaus bin i wia z’haus. Zur kulturellen Bedeutung des Gasthauses für eine städtische Region. Eine volkskundliche Gegenwartsuntersuchung. In: Grazer Gastlichkeit. Beiträge zur Geschichte des Beherbungs- und Gastgewerbes in Graz, S. 119–127.
Neue Zeit, 12.04.1962, auf Mikrofilm in der Steiermärkischen Landesbibliothek einsehbar.
