Viele Namen, ein Ort. BEA für Knaben in Liebenau

Im letzten Blogartikel „Ein Neubau in der Gartenstadt: Marburgerstraße 11“ geht es um eine Häuslbauerfamilie, die sich in den frühen 1920er-Jahren am Rand der Gartenstadt in St. Peter ein Heim errichtet. Doch der Vater der Familie, Valentin Junker, ist noch an einer anderen Baustelle beteiligt. Aus den Bauakten geht nämlich hervor, dass er zu dieser Zeit als „Verwalter bei der Bundeserziehungsanstalt (BEA) für Knaben in Liebenau bei Graz“ tätig ist. In diesem Artikel steht daher seine Arbeitsstelle im Mittelpunkt.

An dieser Stelle kann jedoch nicht die gesamte Geschichte des HIB Liebenau behandelt werden – so heißt die Schule heute, an der einst Valentin Junker arbeitet. Eine Kurzgeschichte der Schule samt Zeitleiste findet sich bereits auf der Homepage. Zudem verfügt die Schule über ein eigenes Museum, in dem sich noch mehr über ihre Geschichte erfahren lässt. Ich konzentriere mich daher auf die Zeit des Hausbaus von Valentin Junker, also auf die erste Hälfte der 1920er-Jahre.

Die ehemalige Kadettenschule, Foto Fez Brook, 2026.

Eine Schule, viele Namen

Eine Schulchronik verfasst Gerold Lang, ein Geschichtslehrer dieser Schule, der sich 1963 nicht nur ihrer Geschichte, sondern auch jener von Liebenau widmet. In seinem Vorwort schreibt er, dass ihn zwei Schüler mit Interesse für die Schulgeschichte zu seiner Publikation angeregt haben. Aufgrund der Fülle an Quellen entscheidet er sich dazu, eine Geschichte der Schule zu verfassen. Sein Werk widmet er allen, „die einmal im „Haus Liebenau“ lebten oder heute noch hier tätig sind bzw. studieren, und der bis 1938 selbständig gewesenen Gemeinde Liebenau, die im Jahre 1964 ihr 800jähriges Bestehen feiern wird.“*

Gerold Lang listet zusammenfassend auch die zahlreichen Namen und Funktionen der Schule in den Jahren zwischen 1918 und 1948 auf, die die gesellschaftlichen Veränderungen spürbar machen: „Kaiserlich und königliche Infanteriekadettenschule“, „Infanteriekadettenschule“, „Deutschösterreichische Staatsrealschule“, „Staatserziehungsanstalt“, „Bundeserziehungsanstalt“, „Militärmittelschule“, „Wehrmachtoberschule“, „Oberschule des Hauses Liebenaus des Großen Militärwaisenhauses Potsdam“, „Großes Militärwaisenhaus Potsdam, Haus Liebenau bei Graz“, „Deutsches Reservelazarett“, „Reservelazarett der Roten Armee“, „Kriegsgefangenenlazarett der Königlichen Armee Großbritanniens“ und „Bundeserziehungsanstalt“.

Wie auch immer diese Bildungsinstitution über die Jahre heißt oder funktioniert – sie entsteht auf dem Grund eines Schlosses, das nach mehreren Eigentumswechseln 1790 in den Besitz von Alois Graf von Trauttmansdorff gelangt. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten muss jedoch dessen Sohn Vinzenz das Schloss 1828 an die Eheleute Alexander und Josefine Edle von Kottowitz veräußern, die es einige Jahre später wiederum an den Staat verkaufen. Das Schloss wird abgerissen und 1853 beginnt unter der Leitung von Carl Ohmeyer der Bau der Schule. Die offizielle Eröffnung findet am 23. November 1854 in Anwesenheit prominenter Gäste statt.

Kadettenschule in Liebenau, ca. 1915 bis 1919, Sammlung GrazMuseum.

Ein Neustart nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg geht an einer Kadettenschule natürlich nicht spurlos vorüber. Viele Schüler, aber auch Lehrer, ziehen in den Krieg. Jene Lehrer, die nicht eingezogen werden, dienen in unterschiedlichsten Kommissionen zur Bewältigung des Kriegsalltags oder leiten den mannigfachen Einsatz der Schüler – so beschreibt es der Chronist Gerold Lang. Nach dem Krieg leert sich die Schule jedoch rasch, da viele Schüler in ihre Heimat zurückkehren, die nun nicht immer innerhalb des neu gegründeten Staates Österreich liegt. Auch das zwischenzeitlich auf dem Schulgelände eingerichtete Notreservespital wird aufgelöst. In dieser Zeit der Not beginnt für die Schule eine neue Epoche, auch wenn es etwas dauert, bis ihre zukünftige Ausrichtung feststeht.

Die ehemalige Kadettenschule mit dem Denkmal Kaiser Franz Josephs I., das 1908 anlässlich seines 60-jährigen Regierungsjubiläums errichtet wurde. 1943 wurde das Denkmal entfernt. Ansichtskarte, ca. 1908–1915 (geschätzt). Sammlung GrazMuseum.

Am 17. September 1919 fällt die Entscheidung, dass die ehemalige Kadettenschmiede wieder als Schule genutzt wird. Damit ist die Arbeit aber noch nicht getan. Bereits zuvor ist die Suche nach einem passenden Namen ein Thema. „Begabtenschule“ wird als Bezeichnung abgelehnt, da dies nur „geistigen Hochmut und Dünkel“* erzeuge, so der sozialdemokratische Politiker und Schulreformer Otto Glöckl (1874–1935). Die Schule wird daher zu einer „Bundeserziehungsanstalt“.

Das Denkmal wurde am 24. Juli 1894 enthüllt und erinnert an die „für Kaiser und Vaterland auf dem Felde der Ehre gebliebenen Angehörigen der Anstalt“ (Sockelinschrift). Die dahinter angebrachten Marmortafeln wurden hingegen erst 1931 aufgestellt. Foto Fez Brook, 2026.

Ab Mitte Januar 1919 leitet Direktor Dr. Leo Walter die Geschicke der Schule. Er ist in Liebenau der erste Zivilist in dieser Position. In einer Broschüre aus dem Jahr 1924** berichtet er über den schwierigen Neuanfang: Es herrscht Mangel an Lehrpersonal und das Gebäude weist zahlreiche Bauschäden auf. Die Schüler werden daher aktiv in die Aufbauarbeiten eingebunden. Sie helfen beim Abreißen von Baracken, die im Krieg noch als Notspital dienen. „Brustwehren wurden abgetragen, Schützengräben verschüttet, Sickergruben ausgefüllt und an ihrer Stelle Wiesen und Gärten angelegt“; „kräftige Zöglingshände sorgten mit Pickel und Spaten dafür, daß aus dem Trümmerfelde“** wertvolles Ackerland entsteht. Sein Kollege Prof. Gustav Weber beschreibt in einem weiteren Artikel, wie seine Schüler wochenlang „feinen Sand in Rucksäcken aus den Murauen“** trugen, um eine Sprunggrube für den Weitsprung anzulegen.

Umfassender Unterricht

Die Knaben der Bundeserziehungsanstalt erhalten einen umfassenden Unterricht, wobei sie von dem „Reichtum der Anstalt an wertvollen Kulturland“ profitieren, der „unseren Zöglingen reiche Gelegenheit zu fleißiger Betätigung im Garten- und Feldbau bietet“**, so der Leiter Dr. Leo Walter. In der Umgebung des Heims, in Garten-, Feld- und Wirtschaftsanlagen bieten sich dabei stets Lehrgelegenheiten, so reflektiert der Direktor in seinem Beitrag zum „Naturgeschichtsunterricht im Schülerheim“.**

Auch seine Lehrer beschreiben den umfassenden Unterricht in der Bundeserziehungsanstalt. Dr. Hans Mühlbacher geht auf den Lateinunterricht ein, der in dieser Schule nicht mit 10 Jahren sondern erst mit 12 beginnt, wobei er auf die Vorteile des späteren Beginns eingeht. Prof. Hugo Dostal schwärmt von mathematischen Vorträgen im Schülerheim, wobei er v.a. auf die Beliebtheit von Präsentationen zur Astronomie mit Lichtbilder verweist. Prof. Gustav Weber geht wiederum auf die körperliche Erziehung als eine wesentliche Aufgabe der Bundeserziehungsanstalt ein. Diese körperliche Erziehung, das betont er, hat „keineswegs eine Verschlechterung der geistigen Ausbildung“** zur Folge. Er hofft dabei, dass seine Zöglinge „ihren Körper als Tempel des Geistes achten, schätzen und nützen lernen und die Überzeugung ins Leben mitnehmen, daß sie ihn auch weiterhin üben müssen.“**

Blick zur ehemaligen Kadettenschule, ca. 1895 – 1905, Sammlung GrazMuseum.

Personal und Schülerzahl im Jahr 1925

Im Adressbuch von 1925 ist das Personal der Schule aufgelistet. So wird Dr. Leo Walter als Direktor und Prof. Hugo Dostal als stellvertretender Direktor geführt. Als Professoren werden Kajetan Bouvier-Dostal, Gustav Weber und Dr. Hans Mühlbacher genannt. Darüber hinaus werden Erzieher und Nebenlehrer angeführt. Für die Verwaltung ist Hermann Seichter zuständig, wobei der bereits bekannte Valentin Junker als Buchhalter bezeichnet wird. Dr. Leo Walter betont dabei in seiner Publikation die Wichtigkeit, dass der Direktor von Verwaltungs- und Rechnungsgeschäften entlastet wird, ohne jedoch seine Mitarbeiter Hermann Seichter und Valentin Junker namentlich zu erwähnen. Zusätzlich wird in dem erwähnten Adressbuch mit Dr. Nikolas Weitgruber auch ein Arzt genannt.

Das Adressbuch von 1925 beziffert die Schülerzahl auf 140. In seinem Artikel von 1924 schreibt Dr. Leo Walter noch, dass die Raumverhältnisse nicht mehr als 120 Zöglinge aufzunehmen erlauben. Als Nachteil betrachtet er, dass dabei eine „verhältnismäßig große Anzahl von Zöglingen einer einzigen Persönlichkeit anvertraut ist, was zu strafferer Handhabung von Zucht und Ordnung zwingt und vielleicht auch kleine Härten nicht vermeiden läßt und kein so inniges Verhältnis gewährleistet wie das Familiensystem. Vielleicht liegt darin aber eine viel bessere Vorbereitung zur Selbständigkeit und zum Lebenskampf.“** Was genau unter ‚kleinen Härten‘ zu verstehen ist, wird jedoch von Dr. Leo Walter nicht näher ausgeführt.

Die Villa von Valentin Junker, Marburgerstr. 11, Foto Fez Brook, 2026.

Literatur:

*Lang, Gerold: Geschichte von Liebenau. Ort- und Schulgeschichte, im Selbstverlag des Verfassers, Graz 1963.

**„Die Bundeserziehungsanstalt Liebenau“, Deutscher Verlag für Jugend und Volk, 1924. (Im „Nominalkatalog bis 1945“ in der Steiermärkischen Landesbibliothek unter dem Schlagwort „Liebenau“ verzeichnet; die Signatur lautet A II 102077.)

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