Hitler in Graz. Teil 3: Das Unsichtbare hinter den Fotos

Vom 3. bis 4. April 1938 besucht Adolf Hitler Graz. Sein Aufenthalt bildet den Höhepunkt einer dichten Abfolge von Veranstaltungen in ganz Österreich. Sie dienen dazu, die Bevölkerung für die Volksabstimmung am 10. April zu mobilisieren und den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu legitimieren. Graz präsentiert sich an diesen Besuchstagen in einem Meer aus Fahnen, das die Geschlossenheit sowie die Zustimmung der Grazerinnen und Grazer zur Politik Hitlers demonstrieren soll. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen: Der Besuch ist bis ins Detail geplant. Diese Inszenierung steht im Mittelpunkt des ersten Blogartikels »Hitler in Graz. Teil 1: Die Gartenstadt als Fahnenmeer«.

Während die Fotografien von Wilhelm Heiker das Ergebnis dieser Inszenierung zeigen – eine festlich geschmückte Stadt und ihre Bevölkerung in Ausgehkleidung –, richtet dieser Blogartikel den Blick auf das Nicht-Sichtbare. Dass weite Teile der Bevölkerung den Hitler-Besuch begrüßen, ist Gegenstand des zweiten Blogartikels »Hitler in Graz. Teil 2: Der Rausch der Masse«. Doch auch wenn es sich nur um eine Minderheit handelt, gibt es Grazerinnen und Grazer, die dem Regime ablehnend gegenüberstehen, sich ihm entziehen oder Widerstand leisten. Viele von ihnen werden aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen verfolgt und zu Opfern der nationalsozialistischen Herrschaft.

Hauptplatz 14 & NS-Jugend am Werk, Heim d. DAF, Ungergasse 25 (?), Hausfassade mit Wahlpropaganda: „UNSEREM HEISSGELIEBTEN FÜHRER. JA!“ und „DAS DEUTSCHE BEKENNTNIS: JA!“, April 1938, Sammlung O’Connell.

Zunehmender Druck

Wilhelm Heiker hält den Besuch Adolf Hitlers in Graz fotografisch fest. Aufnahmen der vorausgehenden Ereignisse im Februar und März fehlen jedoch in seiner Sammlung. Gerade in diesen Wochen finden zahlreiche Aktionen statt, die wesentlich dazu beitragen, dass sich die Grazer Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen den von Hitler im Juli 1938 verliehenen Titel „Stadt der Volkserhebung“ verdienen. Zugleich wächst der Druck auf die österreichische Regierung in Wien.

Teichstraße (?), St. Peter & unbekannter Ort. Armin Dadieu (1901–1978) auf dem Cover der Bilder-Welt (Ausgabe vom 6. März 1938). Armin Dadieu war einer der führenden Nationalsozialisten der Steiermark. Sammlung O’Connell.

Auf den ersten Blick mögen Hakenkreuzsymbole an Hauswänden, Flugzettel, Hakenkreuze aus Papier oder nationalsozialistische Flugblätter in den Zeitungen harmlos erscheinen. Die eingeschlagenen Auslagen mehrerer jüdischer Geschäfte oder die zerstörten Wandkästen der Vaterländischen Front markieren jedoch bereits eine andere Dimension der Gewalt. Zusätzlichen Auftrieb erhält die Entwicklung durch das „Berchtesgadener Abkommen“ vom 12. Februar 1938, mit dem die freie politische Betätigung der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten sowie ihre Beteiligung an der österreichischen Regierung erzwungen werden. Nationalsozialistische Kundgebungen mit Hakenkreuzfahnen und Fackeln prägen fortan das Straßenbild. Die dadurch beschleunigte Machtübernahme führt bereits Wochen vor Hitlers Besuch zu spontanen und organisierten Begeisterungsbekundungen. Ein Zeitzeuge schildert die Stimmung in Graz:

„In Graz haben sie überall gebrüllt und geschrien, und die Leute sind sich um den Hals gefallen, das kann man einfach nicht schildern und nicht verstehen, wenn man das nicht gesehen hat. So eine Hysterie war das. Ich habe gesehen, daß die Leute … sich umarmt (haben) und sind herum im Stadtpark und haben getanzt, und eine … Stimmung war das, das war unwahrscheinlich.“ (Schöpfer, S. 80)

Südtiroler-Platz & Hauptplatz, April 1938, Sammlung O’Connell.

Entrechtung und Verfolgung

Nicht nur die österreichische Bundesregierung gerät zunehmend unter Druck, sondern auch jene Menschen, die der nationalsozialistischen Politik kritisch oder ablehnend gegenüberstehen. Vor allem Personen, die als nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörig betrachtet werden, blicken mit Sorge in die Zukunft. Bereits 1929 ruft das NS-Blatt „Grazer Nachrichten“ zum Boykott jüdischer Geschäfte auf und veröffentlicht dazu eine Liste jüdischer Geschäftsleute. Antisemitische Rhetorik ist dabei kein neues Phänomen, sondern wird in zahlreichen Vereinen gepflegt – siehe dazu meinen Blogartikel »„Deutscher Schulverein Südmark“ in der Zwischenkriegszeit«; sie ist in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet – in der Politik ebenso wie in der katholischen und evangelischen Kirche sowie an den Hochschulen.

Andreas-Hofer-Platz, April 1938, Sammlung O’Connell.

Mit dem Erstarken der NSDAP, insbesondere seit dem Juliputsch 1934, vollzieht sich schließlich der „Übergang von verbalen und publizistischen Aktivitäten hin zu tätlichen Angriffen, Terroraktionen und Sabotageakten gegen jüdische Einrichtungen oder Privatpersonen“ (Zettelbauer, S. 70). Mit dem „Anschluss“ vom 12. März 1938 setzt sich fort, was bereits zuvor praktiziert wird. Nun erfolgt jedoch eine systematische Entrechtungs-, Beraubungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik. Diese ist nicht das Werk Einzelner, sondern ein „gesamtgesellschaftliches Unterfangen“ (Lamprecht, S. 321). Diese Entwicklung, geprägt von Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalt, muss bei der Betrachtung der Fotografien mitgedacht werden. Sie mündet im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust. Beides wird in weiteren Fotografien von Wilhelm Heiker sichtbar – wenn auch nur in sehr vagen Spuren.

Am Eisernen Tor, April 1938, Sammlung O’Connell.

Gegen die Masse

Es gab auch jene, die kritisch bleiben und unter größter Lebensgefahr gegen das Regime arbeiten. Sie verlieren sich nicht in der Masse und damit auch nicht sich selbst – eine Gefahr, vor der der Philosoph Karl Jaspers warnt. Die Fotografien Wilhelm Heikers zeigen die nationalsozialistische Inszenierung sowie die Zustimmung und Begeisterung großer Teile der Bevölkerung. Der Mut jener Menschen hingegen, die sich der Masse widersetzen und deshalb verfolgt, unterdrückt und vielfach ermordet werden, bleibt unsichtbar. Ihr Handeln erfordert außergewöhnliche Zivilcourage, denn schon kleinste Formen des Widerstands können Haft, Folter oder den Tod nach sich ziehen. Denunziation gehört zum Herrschaftsalltag des NS-Regimes. Widerstand muss daher im Verborgenen stattfinden, denn niemand kann sicher sein, wem er vertrauen kann. Viele von ihnen bezahlen ihren Mut mit dem Leben. Zum Abschluss dieser Blogserie steht daher ein Zitat des Lehrers Richard Zach, der für seinen Widerstand hingerichtet wird:

„Bequemer wäre es gewesen,
den Kopf zu senken, klug zu lächeln,
die Knie verrenken, Demut fächeln
und kein verbot‘nes Buch zu lesen. (…)

Ich bin den andern Weg gegangen.
Verzeiht – es tut mir gar nicht leid.“

(zitiert nach Dreier/ Schreiber, S. 13)

Keplerstaße, Ecke Neubaugasse, April 1938, Sammlung O’Connell.

Fotos

Die verwendeten Fotos stammen aus der Sammlung O’Connell. An dieser Stelle danke ich herzlich für die freundliche Genehmigung, diese Fotos verwenden zu dürfen.

Verwendete Literatur

Bouvier, Friedrich; Reisinger, Nikolaus (Hg.): Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Band 44: „Graz 1914 – 1934 – 1944 … und darüber hinaus …“ Graz 2015.

Bouvier, Friedrich; Valentinitsch, Helfried (Hg.): Historisches Jahrbuch der Stadt Graz. Band 18/19: Graz 1938. Graz 1988.

Dreier, Werner; Schreiber, Horst. Vorwort. In: Halbrainer, Heimo; Lamprecht, Gerald: Nationalsozialismus in der Steiermark. Opfer. Täter. Gegner. StudienVerlag, Innsbruck 2015.

Halbrainer, Heimo; Lamprecht, Gerald: Nationalsozialismus in der Steiermark. Opfer. Täter. Gegner. StudienVerlag, Innsbruck 2015.

Halbrainer, Heimo; Lamprecht, Gerald; Mindler, Ursula (Hg.): NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2012.

Zettelbauer, Heidrun: Antisemitismus und Deutschnationalismus. Von Prozessen der Ausdifferenzierung zu Strategien der Homogenisierung am Beispiel deutschnational-völkischer Frauenvereine. In: Halbrainer, Heimo; Lamprecht, Gerald; Mindler, Ursula (Hg.): NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2012.

Die Artikel der „Kleinen Zeitung“ und der „Tagespost“ sind im Steiermärkischen Landesarchiv einsehbar. Für diesen Blogartikel wurden die Ausgaben vom 1. bis zum 5. April 1938 verwendet.

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