Den Ausgangspunkt dieser Blogartikel bilden einige Ansichtskarten aus meiner Sammlung. Mit ihnen versuchte der „Verein Südmark“ Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und seine Botschaften zu verbreiten. Im Mittelpunkt steht somit ein politisch aktiver Verein, der in einer Zeit entstand, in der die Spannungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten der Habsburgermonarchie immer stärker zunahmen.
Skizze einer Vorgeschichte

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzog sich innerhalb der Habsburgermonarchie ein tiefgreifender Wandel. Die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten nahmen zu und wurden zunehmend schärfer geführt. Der Vielvölkerstaat bestand aus einer Vielzahl gesellschaftlicher Gruppen, die jeweils ihre eigenen – aus ihrer Sicht positiven – Merkmale und Besonderheiten betonten. Gleichzeitig wurden sie von anderen Gruppen häufig mit negativen Zuschreibungen und Stereotypen versehen. Nicht das Verbindende innerhalb der Habsburgermonarchie, sondern das Trennende wurde dabei immer stärker hervorgehoben.
So verstanden sich deutsch-nationale Milieus als gesellschaftliche Gruppen, die die Zugehörigkeit zu einer deutschen Nation und Kultur besonders betonten. Daraus leiteten sie politische sowie gesellschaftliche Ideen ab. Diese Wir-Identität war zugleich ausschließend gedacht: Sie diente den eigenen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen. Aus der Perspektive deutsch-nationaler Milieus galten vor allem slawische (polnische, slowenische, tschechische etc.) Bevölkerungsgruppen sowie die Jüdinnen und Juden als Bedrohung.
Vereine als Motoren einer Entwicklung
Wichtig für diese Wir-Identität waren Vereine wie der „Deutsche Schulverein“ oder der „Verein Südmark“. „Deutscher Schulverein“ wurde 1880 gegründet und galt als der erste deutschnationale Verein, der sich überregional für die politischen Interessen der deutschsprachigen Bevölkerung der Habsburgermonarchie einsetzte. In den Jahren zwischen 1880 und 1890 folgten weitere Vereinsgründungen nach dem Vorbild von dem „Deutschen Schulverein“, die teilweise eigene lokale Schwerpunkte hatten. So fiel in diese Zeit auch die Gründung des „Vereins Südmark“, der zu dem bekanntesten und erfolgreichen deutschnationalen Verein in der Steiermark wurde.
Wie die Aufschrift auf einer der hier gezeigten Ansichtskarten deutlich macht, ging es dem Verein um die „deutsche Vergangenheit und deutsche Zukunft“. Er unterstützte deutschsprachige beziehungsweise als „deutschstämmig“ verstandene Personen und war vor allem an den sogenannten Sprachgrenzen der Steiermark, Kärntens, Krains und des österreichischen Küstenlandes tätig. In gemischtsprachigen Gebieten kaufte der Verein gezielt Grund und Boden auf, um dort deutschsprachige Familien anzusiedeln. Im Sinne seiner völkischen Ideologie förderte er alles, was er als „deutsch“ verstand. Antisemitismus gehörte von Beginn an zu seinem ideologischen Selbstverständnis. Seit 1907 war eine Mitgliedschaft ausschließlich Personen „arischer Abstammung“ vorbehalten.
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gehörten dem Verein rund 73.000 Personen an. Unter ihnen befanden sich vor allem Angehörige des öffentlichen Dienstes, der freien Berufe sowie Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen.

„Deutscher Schulverein Südmark“ entsteht
Der „Deutsche Schulverein“ und der „Verein Südmark“ schloßen sich 1925 zum „Deutschen Schulverein Südmark“ zusammen. In der Zwischenkriegszeit befürwortete dieser Verein die „Anschlussbewegung“, den Deutschnationalismus, wobei dabei immer eine antisemitische und antislawische Haltung eingenommen wurde. So wurde im „Süddeutschen Tagblatt“ (28.1.1934) die Frage beantwortet, wie sich der „Deutsche Schulverein Südmark zur Judenfrage“ stellt wie folgt beantwortet:
„Die Juden sind volks- und rassenmäßig von den Deutschen verschieden. Sie können daher in einen, nur dem deutschen Volkstum dienenden Verein ebensowenig aufgenommen werden, wie die Angehörigen anderer Völker. Aus dieser Verschiedenheit ergibt sich aber auch die ablehnende Haltung, die der Deutsche Schulverein Südmark gegenüber dem Eindringen jüdischen Wesens in das deutsche Kulturleben einnimmt. Ebenso wie alle anderen Volkstumsfragen kann auch die Judenfrage nur durch Organisation des Juden als selbständiges Volkstum gelöst werden.“ („Süddeutsches Tagblatt“, 28.1.1934)
Das Judentum wurde hier als etwas grundlegend Anderes, als Träger eines bestimmten „Wesens“, dargestellt. Auch wenn dies aus dem Zitat selbst nicht hervorgeht, wurde das Judentum in der Öffentlichkeit häufig als geldgierig, betrügerisch und als Inbegriff eines niederträchtigen Bösen charakterisiert. Auf diese Weise entstand ein Feindbild, das später auch von den Nationalsozialisten aufgegriffen und propagandistisch genutzt wurde. Die vielfältigen Leistungen der jüdischen Bevölkerung für die Gesellschaft in den unterschiedlichsten Bereichen wurden dabei ausgeblendet oder bewusst ignoriert.

Sammelbecken für Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten

Dem Verein gehörten nicht nur Männer, sondern auch zahlreiche Frauen an, die sich vielfach zugleich in weiteren deutschnationalen oder völkischen Vereinen engagierten. Auch wenn Frauen zahlenmäßig deutlich seltener in diesen Vereinen aktiv waren, standen sie „ideologisch gleich gesinnten Männern im Ausmaß rassistischer und menschenverachtender Rhetorik in nichts nach“, wie die Grazer Historikerin Heidrun Zettelbauer festhält.
Zu den bekanntesten Angehörigen des Vereins zählten unter anderem Walter von Semetkowski, der als Landeskonservator auch Stadtführer veröffentlichte, der Volkskundler Viktor von Geramb sowie die Schriftsteller Hans Kloepfer, Emil Ertl und Franz Nabl. Einige Vertreter dieser deutschnationalen „Südmark-Runde“ blieben auch nach dem Zweiten Weltkrieg gesellschaftlich und kulturell einflussreich.
Dem Verein gehörten zudem spätere führende Nationalsozialisten wie Armin Dadieu und Josef Papesch an. Besonders nach dem Verbot der NSDAP am 19. Juni 1933 wurden deutschnationale Vereine wie der „Deutsche Schulverein Südmark“ zu Sammelbecken für illegale Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten, die diese Organisationen zur Vernetzung, Kommunikation und politischen Betätigung nutzten.

Zur Vertiefung
Die Geschichte des „Deutschen Schulvereins Südmark“ konnte hier nur skizziert werden. Vertiefende Informationen finden sich unter anderem im Aufsatz von Heidrun Zettelbauer über Antisemitismus und Deutschnationalismus. Zu den Standardwerken über den Nationalsozialismus in der Steiermark zählen außerdem die Publikationen von Heimo Halbrainer und Gerald Lamprecht.
Weniger überzeugend ist hingegen die Darstellung auf der Homepage des „Alpenländischen Kulturverbandes“. Der 1952 gegründete Verein gilt als Nachfolgeorganisation des hier behandelten „Vereins Südmark“ und hat bis heute seinen Sitz im sogenannten „Südmarkhaus“ am Joanneumring 11 in Graz. Auf seiner Website wird darauf hingewiesen, dass dieses Gebäude bereits 1910 vom „Verein Südmark“ erworben wurde.
Auffallend ist jedoch, dass auf der Website die antisemitische und völkische Ausrichtung des Vereins sowie seine Nähe zum Nationalsozialismus nicht angesprochen werden. Vielleicht übersehe ich dabei etwas, da ich nur die Website, aber nicht die Publikationen des Vereins kenne.
Literatur:
Heidrun Zettelbauer: Antisemitismus und Deutschnationalismus. Von Prozessen der Ausdifferenzierung zu Strategien der Homogenisierung am Beispiel deutschnational-völkischer Frauenvereine. In: Heimo Halbrainer, Gerald Lamprecht, Ursula Mindler (Hg.): NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2012.
