Mit den „Gachen“ unterwegs.

Bergsteigen, Turnen und Geselligkeit bei der „Grazer Turnerschaft“

Im letzten Blogartikel war ich noch unterwegs und zwar auf dem Weg zur Pühringerhütte. Der Artikel aus der Kategorie „Fundstücke“ widmet sich nun einem Verein, der auch viel in den Bergen unterwegs war.

Mit einem Verein habe ich mich auf meiner Blogseite bereits ausführlicher beschäftigt, nämlich mit dem „Deutschen Schulverein Südmark“. Diesmal steht die „Grazer Turnerschaft“ im Mittelpunkt, genauer gesagt eine Sektion dieses Vereins: die Bergsteigerriege „D’ Gachen“. Den Ausgangspunkt für diesen Artikel bilden zwei Fotos aus meiner Sammlung. Auf beiden sind die „Gachen“ zu sehen.

„D’ Gachen z. Graz“, Detail der unteren Ansichtskarte. Auf Karton aufgeklebt, Rückseite daher überklebt, Sammlung Fez Brook.

„D’ Gachen“ – die Bergsteigerriege der Grazer Turnerschaft

Eine Kurzskizze der Vereinsgeschichte veröffentlichte die „Grazer Tagespost“ am 8. März 1903. Aus diesem Jahr ist auch das erste Foto der Bergsteigerriege „d‘ Gachen“, die eine Sektion der „Grazer Turnerschaft“ bildete. Pathetisch heißt es gleich in den ersten beiden Sätzen des Zeitungsartikels inklusive veralteter Grammatik: Ein „kleines Häuflein wackerer Turner war es, welche vor beinahe 20 Jahren ein junges Reis gepflanzt und den Verein „Grazer Turnerschaft“ gegründet hatten. Dieses junge Reis ist heute trotz der Stürme, die über dasselbe gegangen, zu einem mächtig aufstrebenden Baum geworden – erstarkt in seinen Wurzeln, gefestigt im Stamme.“ („Grazer Tagespost“, 08.03.1903)

„D’ Gachen z. Graz“, Ansichtskarte, auf Karton aufgeklebt, Rückseite daher überklebt, Sammlung Fez Brook.

Im Jahr des Zeitungsartikels bestand der Verein bereits aus mehreren Sektionen. Dazu gehörten eine Radfahrabteilung, eine Kneipverbindung für gesellige Abende sowie zwei Kinderabteilungen, die vorläufig nur für Mädchen im Alter von sechs bis vierzehn Jahren offenstanden. Dazu kam die Bergsteigerriege „d’ Gachen“, die 1899 entstand. Auf dem Foto ist jedenfalls eine Tafel zwischen den Bergsteigern zu sehen. Auf ihr ist sowohl ein Berg mit dem Spruch „Berg Heil!“ als auch die Jahreszahlen 1899 und 1903 zu lesen. Die erste Zahl bezieht sich wohl auf das Gründungsjahr, die zweite auf das Aufnahmejahr, so jedenfalls meine Vermutung.

Übrigens dürfte sich die Bezeichnung „Gachen“ vom Dialektwort „gach“ bzw. „gachen“ ableiten. „Gach“ steht unter anderem für „schnell“ oder „rasch“, während „gachen“ die Bedeutung „eilen“ oder „sich beeilen“ haben kann. Die Bezeichnung „D’ Gachen“ könnte somit sinngemäß auf die „Schnellen“ oder „Eiligen“ verweisen – möglicherweise eine Anspielung auf das Tempo der Bergsteiger bei ihren Wanderungen.

„D’ Gachen“ waren immer wieder auf dem Schöckl unterwegs und veranstalteten hier verschiedene Wintersportwettbewerbe. Hier eine Ansichtskarte des Schöckls vom Rosenberg aus, Verlag: Ledermann, vor 1907, Sammlung ÖNB/AKON.

Entstehungszeit der „Grazer Turnerschaft“

Das Gründungsjahr der „Grazer Turnerschaft“ war 1884, also in einer Phase, in der Vereinsgründungen sehr beliebt waren. Vereine waren Treffpunkte für Gleichgesinnte, die sich noch nicht wie der Gegenwartsmensch auf Online-Portalen treffen konnten. Auch fesselte der Fernseher die Menschen damals noch nicht an die Couch. Sportbegeisterte folgten dabei dem „Turnvater Jahn“, der den Turnsport zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung empfahl. Dieses neue Interesse für Bewegung war durchaus mit politischen Zielen verbunden. Jahn ging es schließlich auch um eine deutsche Nation und ein deutsches Volkstum. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Vereine politisch gegliedert waren. Vor allem seit den 1880er- und 1890er-Jahren wurden sie nach politischen, ethnisch-sprachlichen, aber auch schichtspezifischen Kriterien gegliedert, was natürlich nicht nur zu sportlichen Konkurrenzen, sondern auch zu Verleumdungen führen konnte. Auch um sportbegeisterte Personen für den eigenen Verein zu gewinnen, dürften diese Abgrenzungen eine Rolle gespielt haben.

Weiz, Raabklamm, Ansichtskarte, Datierung 1925, Sammlung ÖNB/AKON.

So musste im Jänner 1899 der Vorsitzende Josef Goriupp seinen Verein vor einem verbalen Angriff schützen. Schließlich hatte der deutschvölkische „Grazer Männerturnverein“ bei seiner Gründungsversammlung die „Grazer Turnerschaft“ als eine „Judenschutztruppe“ bezeichnet, „die nur mit nationalen Worten flunkere“. Der Vorwurf war also, dass der Verein nur vorgab, deutsch gesinnt zu sein. Demgegenüber verwies Goriupp darauf, dass „die Erziehung einer so großen Anzahl deutsch gesinnter Turner derlei Angriffe vollkommen hinfällig“ machen würde. Das Ziel beider Vereine wäre schließlich das gleiche, nämlich zwar getrennt zu marschieren, aber „vereint [zu] schlagen!“. Die Aussage löste laut dem Zeitungsartikel lebhaften Beifall aus. („Grazer Tagblatt“, 30.01.1899)

Die Bezeichnung „Judenschutztruppe“ verweist auf den Antisemitismus, der auch innerhalb der bürgerlichen Vereins- und Turnbewegung präsent war. Der Vorwurf diente nicht nur der politischen Abgrenzung, sondern zugleich der Diskreditierung der „Grazer Turnerschaft“ innerhalb der deutschnationalen Vereinslandschaft. Der Konflikt steht damit beispielhaft für die zunehmenden nationalen und politischen Spannungen in der Habsburgermonarchie seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dabei gewannen auch innerhalb der Vereinswelt nationale, politische und soziale Abgrenzungen zunehmend an Bedeutung.

Vordernberg gegen Präbichl, Ansichtskarte, Datierung 1910, Sammlung ÖNB/AKON.

Bergsport und Geselligkeit

Über die Erfolge der „Grazer Turnerschaft“ lässt sich bereits im oben zitierten Zeitungsartikel einiges erfahren. Bereits im Gründungsjahr 1884 wurden 231 Turntage mit 3.189 Turnbesuchen organisiert. Im Jahr 1902 waren es bereits 1.021 Turntage mit 21.048 Turnbesuchen. Die 583 Vereinsangehörigen konnten 1903 in der Marschall-, Wieland- und Nibelungengasse turnen. Dazu kam das vielfältige Programm der „Gachen“, die 38 Bergfahrten mit 107 Teilnahmen organisierten. („Grazer Tagespost“, 08.03.1903)

Bis zum Ersten Weltkrieg waren „D’ Gachen“ unter anderem in der Raabklamm zur Eröffnung der „Ernestinen-Stiege“, auf der Hohen Rannach, am Präbichl, in Vordernberg, auf der Griesmauer oder am Reichenstein unterwegs. Am Schöckl wurden Winterwettbewerbe für „deutsche Turner“ veranstaltet. In Graz ergänzten regelmäßige Familien- und sonstige Unterhaltungsabende mit Vorträgen und Musik das Vereinsleben. Die Jahres- und Monatsversammlungen wurden im Vereinsheim in der „Steinfelder Bierhalle“ abgehalten. „D’ Gachen“ boten also bereits vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur sportbegeisterten Personen ein reichhaltiges Programm, das noch nicht mit Fernsehabenden konkurrieren musste.

Rückseitentext: Julabend der Bergsteigerriege des Vereines Grazer Turnerschaft, Pogusch (Skihütte), 12. Julmond 1925, Ansichtskarte, Sammlung Fez Brook.

Der Erste Weltkrieg bedeutete dennoch einen Einschnitt, auch wenn die „Grazer Turnerschaft“ ihren Mitgliedern weiterhin ein Vereinsprogramm bot. Nach dem Krieg erlebte der Sport in Graz wieder einen starken Aufschwung. Viele Menschen suchten bei der Bewegung Ablenkung vom schwierigen Alltag. In dieser Zeit wurde Fußball zu einer besonders beliebten Sportart und Graz zur zweiten Fußballstadt Österreichs. Das Schwimmereignis „Quer durch Graz“ wurde zu einem großen Publikumsspektakel.

Doch auch in der Zwischenkriegszeit waren „D’ Gachen“ weiterhin unterwegs. Die zweite Ansichtskarte zeugt von einem „Julabend“ auf dem Pogusch im Jahr 1925. Vielleicht sind auf dem Foto auch Richard Tandl und Hans Nobis zu sehen, die kein halbes Jahr später, nämlich am 1. Mai 1926, am Röthelstein verunglückten. Unter „außerordentlich zahlreicher Anteilnahme besonders aus Turnerkreisen“ wurden die zwei Bergsteiger bestattet. Der eine auf dem evangelischen, der andere eine halbe Stunde später auf dem katholischen Friedhof in St. Peter. („Grazer Volksblatt“, 5.5.1926) Ein Jahr später fand dann zusätzlich eine alpine Totenfeier statt. Bei dieser wurde eine Gedenktafel nach einem Entwurf des Kupferstechers Königshofer befestigt. („Grazer Volksblatt“, 2.5.1927)

Damit endet natürlich die Geschichte der Bergsteigerriege nicht. Vielmehr wird sie fortgesetzt: 1928 wurde erneut ein Ausflug zum Röthelstein organisiert. Um die Kletterfähigkeit zu verbessern, wurde im selben Jahr wiederum ein Übungsklettern in Gösting angeboten. Ich bin mir sicher, dass auch dazu noch in irgendwelchen Familienalben oder Sammlungen Fotos bestehen, die von der Aktivität der „Gachen“ erzählen.

Mixnitz gegen Röthelstein, Ansichtskarte, Datierung 1913, Sammlung ÖNB/AKON.

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