Carte-de-Visite: Ein Kesselschmied in Kleinformat

Auf „Willhaben“ oder „eBay“ finden sich immer wieder „Carte-de-Visite-Fotografien. Eine solche Aufnahme im Visitformat habe ich erworben, da auf der Rückseite handschriftlich ein Name und ein Beruf vermerkt sind: Johann Rober, Kesselschmied. Dieser Blogartikel bildet somit den ersten Eintrag in meiner neuen Rubrik „Fundstücke“.

Carte de Visite – Ein Foto in Visitenformat

Die „Carte de Visite“ bezeichnet Fotografien auf Karton im Format von etwa 6 × 9 cm. Die Rückseite, der sogenannte Revers, ist häufig aufwendig gestaltet. Hier finden sich in der Regel die Adresse des Ateliers sowie der Name des Fotografen oder der Fotografin. Auf der Vorderseite ist die eigentliche Fotografie. Die „Carte de Visite“ wurde bei gesellschaftlichen Anlässen verschenkt, diente somit dem Eigenmarketing. Das Motto war: Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Im Falle meiner „Carte de Visite“ handelt es sich um eine Arbeit von Anton Seidl, der sein „photographisches Atelier“ in der Rösselmühlgasse 14 in Graz betrieb. Neben seinem Namen und der Adresse ist auch sein – heute würde man sagen – Logo zu sehen: zwei Greife als Schildhalter. Im Schild erscheinen die ineinander verschränkten Buchstaben A und S. Zudem wird vermerkt, dass es sich um die Platte mit der Nummer – diese ist handschriftlich ergänzt – 35863 handelt.

Zufälligerweise befinden sich zwei Fotografien von Seidl in meiner Sammlung. Das zweite Bild ist eine Gruppenaufnahme, die Straßenbauarbeiter zeigt. Ein geprägtes Wasserzeichen auf dem Foto zeigt, dass es sich um ein Seidl-Foto handelt.

Aus zeitgenössischen Zeitungen geht hervor, dass Seidl auch Auftragsarbeiten ausführte, insbesondere Gruppenaufnahmen. So wird etwa im Rahmen der „Schlußfeier des Fleischermeister-Fachkurses“ im Hotel „Kaiserkrone“ ein Foto an die Teilnehmer und den Lehrkörper überreicht, das aus dem Atelier Seidl stammt (vgl. „Grazer Tagblatt“, 17.12.1907). Ebenso erhält der Kommandant der staatlichen berittenen Sicherheitswache, Wachoberkommissar Klement Kocher, anlässlich seines 25-jährigen Dienstjubiläums ein „hübsch ausgeführtes Gruppenbild sämtlicher der berittenen Abteilung angehörigen Mitglieder“ („Tagespost“, 23.01.1922). Auch diese Aufnahme stammt aus dem Atelier von Anton Seidl.

Übrigens wird Anton Seidl in der „Allgemeinen Photographischen Zeitung“ aus dem Jahr 1923 als „Vorsteher-Stellvertreter“ der „Steiermärkischen Landesgenossenschaft der Photographen“ erwähnt. In diesem Jahr feiert er nämlich selbst sein zwanzigjähriges Berufsjubiläum. Wie lange er noch als Fotograf tätig war, kann ich nicht sagen. Im Adressbuch von 1940 ist sein Name jedoch nicht mehr zu finden. Allerdings wird unter der Adresse Rösselmühlgasse 14 eine Fotografin mit dem Namen Anna Seidl geführt – seine Tochter?

Straßenarbeiter, Foto Anton Seidl, lt. Rückseite um 1930 (Bleistiftnotiz), Sammlung Fez Brook

 Ein tragischer Unfall

Das Besondere an meiner „Carte de Visite“ ist, dass auch der Name der fotografierten Person auf der Rückseite steht: Johann Rober, Kesselschmied. Dieser Name taucht in Verbindung mit diesem Beruf auch in den Zeitungen auf. So berichten das „Grazer Volksblatt“ und die „Tagespost“ von einem tragischen Arbeitsunfall:

„In der Maschinenfabrik Andritz verunglückte heute früh der 40 Jahre alte Kesselschmied Johann Rober bei der Ausbesserung einer Lokomotive. Es fiel eine Eisenplatte herunter. Hiebei wurde Rober so heftig im Gesichte getroffen, daß er einem Bruch des Unterkiefers erlitt. Der Schwerverletzte wurde im Rettungsauto in das Unfalls-Krankenhaus in der Theodor-Körnerstraße gebracht.“ („Tagespost, 17.05.1922).

Der in dem Artikel erwähnte könnte durchaus der fotografierte Johann Rober sein. Das Foto könnte um 1907 entstanden sein, wobei Rober damals etwa 25 Jahre alt gewesen sein dürfte.

Ansichtskarte, Graz, Arbeitsunfallkrankenhaus, Theodor-Körner-Straße, gelaufen (Datum unleserlich), Sammlung Fez Brook

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