Der Wagenbauer Kern: Bienengasse 30. Teil 1: Ein kleines Wohnwunder

Bienengasse 30, Foto Fez Brook, 2026.

Es ist der 16. September 1863. Peregrin Kern ist auf dem Weg in die Flohgasse. Er ist Wagner und stammt aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Kern wohnt in der Wiener Straße, wo er auch seine Werkstatt betreibt. In die Flohgasse führt ihn ein Bauvorhaben. Um 16 Uhr soll dort eine Lokalkommission zusammentreten, die über sein geplantes Bauvorhaben beraten wird.

Die Flohgasse ist die heutige Bienengasse. Bereits im Artikel zur Hackhergasse 2, wo sich heute die Bäckerei „Drava“ befindet, bin ich auf den Namen der Gasse eingegangen. Dieser bezieht sich auf das Gasthaus „Zum Flohwirth“, das noch um 1885 „wegen den guten Backfischen und Backhühnern bekannt“ ist (Grazer Volksblatt, 28.03.1885). Die Flohgasse bildet die Grenze zwischen den Vierteln Kalvarie und Lend. Kerns Bauvorhaben liegt dabei noch im Viertel „Kalvarie“. Auf seinem „erkauften Gartengrunde“, wie er in seinem Ansuchen vom 8. September 1863 schreibt, beabsichtigt er, ein Wohnhaus und ein Wirtschaftsgebäude zu errichten.

Eine grüne Insel

Auf dem Weg zur Lokalkommission durchquert Peregrin Kern eine Gegend, die noch dünn besiedelt ist. Die Flohgasse führt von der Wiener Straße in Richtung Mur. Zusammen mit der Wiener Straße und der Grünengasse bildet sie ein Dreieck, an dessen Rändern nur wenige Häuser stehen. Die dazwischenliegenden Flächen werden größtenteils als Gärten genutzt. Diese Gegend gehört damit sicherlich noch nicht zu den dicht besiedelten oder belebtesten Teilen von Graz.

Die Nähe zur Mur bereitet der Kommission allerdings Sorgen. Im Protokoll vom 23. September 1863 wird auf die Gefahr eines Hochwassers hingewiesen. Die Befürchtung ist, dass Wasser in die Souterrainwohnungen eindringen könnte, da diese unter dem Niveau der Flohgasse liegen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kern sein Haus in einer grünen und ruhigen Umgebung errichtet, die noch weit entfernt vom geschäftigen Treiben der Stadt liegt.

Ein kleines Wohnwunder

Das geplante Wohnhaus ist in gewisser Weise ein kleines Wohnwunder: Auf vergleichsweise wenig Raum sollen zahlreiche Wohnungen untergebracht werden. Das Haus, das nach den Plänen des Stadtbaumeisters Jakob Bullmann errichtet wird, umfasst insgesamt neun Wohnungen. Drei davon befinden sich im Dachgeschoß, vier im Erdgeschoß und zwei weitere im Souterrain. Jede Wohnung besteht aus einer Küche und einem Zimmer. Das ist auch für die damalige Zeit recht wenig Wohnraum, wie die Kommission selbst anmerkt. Dennoch scheint sie angesichts der „günstigen allseitig freien Lage des Objektes“ ein Auge zuzudrücken. Schließlich ist das Haus für Arbeiter bestimmt. Sollten diese in ihren kleinen Wohnungen zu wenig Platz haben, können sie zumindest ins Grüne gehen – so ließe sich die Argumentation der Kommission interpretieren.

Im Mai 1864 wendet sich Peregrin Kern mit seiner Sorge an den „Löblichen Magistrat“. Er hat bereits Mieter gefunden und befürchtet nun, dass die „Partheien“ gezwungen sein werden, ihre „Einrichtungsstücke auf die Gasse zu stellen“, sollte er den Bewohnungskonsens nicht endlich erhalten. Im Juni bekommt er schließlich die Bewilligung, das nach Bullmanns Plänen errichtete Wohnhaus zu bewohnen. Diese gilt allerdings nur für die Wohnungen im Dach- und Erdgeschoß. Die Souterrainwohnungen bleiben vorerst ausgenommen, da deren Wände noch feucht sind.

Bienengasse 30, Foto Fez Brook, 2026.

Wann Peregrin Kern das ganze Haus für Wohnzwecke nutzen darf, ist unklar, da sich dazu keine weiteren Hinweise in den Bauakten finden. Nur 30 Jahre später wird im „Grazer Volksblatt“ erwähnt, dass die Umwidmung des Gartens an dieser Adresse zu einer Baustelle genehmigt wird. Dieses Vorhaben setzt wohl aber erst sein Sohn um. Zur Familie Kern aber mehr im zweiten Teil.

Nächste Woche kommt Teil 2: Zwischen Trauer und Erfolg

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Die Bauakten sind im Stadtarchiv Graz einzusehen.

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