Graz im Wandel: Petersgasse 79

Die letzte „Hausgeschichte“ führte uns in die Marburgerstraße. In gewissem Sinne steht dieser Blogeintrag im Zusammenhang mit diesem Artikel. Der Zusammenhang ist allerdings weniger bauhistorischer Natur. Auch hatten – zumindest weiß ich nichts davon – die Personen nichts miteinander zu tun. Vielleicht kannten sie sich, da sie nur zwölf Minuten zu Fuß voneinander entfernt wohnten – so zumindest die Angabe von Google Maps. Was sie aber miteinander verbindet, zumindest in meinem Kopf, ist, dass ich auf diese Häuser von derselben Person hingewiesen wurde: einem Herrn, der mir über Willhaben ein Buch über das Wäschewaschen verkauft hat. Der ansprechende Titel der von mir gekauften Literatur lautet „Die Behandlung der Wäsche nach den neuesten Erfahrungen“ von Otto Radeck aus dem Jahr 1897.

Beim Verkauf hat mir der Herr gesagt, dass das Gebäude in der Petersgasse wohl bald abgerissen werden würde. So eilte ich dorthin und habe einige wenige Fotos gemacht. Ein paar Tage später ließ ich mir den Akt im Stadtarchiv Graz vorlegen. Mit dem Lesen des Aktes habe ich mir allerdings etwas mehr Zeit gelassen. Wohl etwas zu viel Zeit, denn das Haus wurde inzwischen abgerissen. Auf dem Weg zu einem Freund bin ich an der Adresse vorbeigefahren. Das kleine Haus mit dem Garten war inzwischen verschwunden. Mein Vorhaben, noch einige weitere Fotos aufzunehmen, war damit geplatzt. Frust ist bei mir hochgekommen. Ein weiteres Haus, das ich zu bearbeiten beabsichtigte, ist ebenfalls nur noch eine Erinnerung. Mit diesem Beitrag wird zumindest eine kurze Geschichte des ehemaligen Hauses in der Petersgasse 79 skizziert.

Petersgasse 79, Foto M. Stipsits, Mai 2026, Sammlung Stipsits.

Zwischen Schweinestall und Straßenverkehr

Die älteren Bauakten gehen bis in das Jahr 1890 zurück. Zu dieser Zeit lautet die Adresse noch Petersgasse Nr. 35. Der Hauseigentümer ist August Schneider, der laut Adressbuch von 1895 gemeinsam mit seiner Frau Anna unter dieser Adresse lebt. Ein weiterer Hinweis auf die Familie findet sich in einer Anzeige im „Grazer Volksblatt“. So werden die Lesenden am 18. September 1892 darüber informiert, dass in der Petersgasse 35 ein zweimonatiges Hausbesitzerkind an „Darmkatarrh“ gestorben ist. Ob die Familie weitere Kinder hatte, ist mir nicht bekannt.

Petersgasse 79, Foto Fez Brook, März 2026, Sammlung Fez Brook.

August Schneider sucht jedenfalls bereits vor dem Ableben seines Kindes im Februar 1890 um eine „Bewilligung zum Um- u. Neubau bei seinem Wirtschaftsgebäude“ an. Genauer plant der Hauseigentümer, seinen Schweinestall zu erweitern. Dazu beabsichtigt er, eine Mauer abzureißen, die den Stall von einer Wagenremise trennt. An den Schweinestall soll zusätzlich ein „Schoppen“, also ein Schuppen, gebaut werden, der nach zwei Seiten offen ist. Vorausgesetzt wird dabei, dass „der Fußboden des Stalles wasserdicht gepflastert sein muß und die Durchsickerung der Jauche in das natürliche Erdreich dadurch unmöglich werde; in gleicher Weise ist der zur Ableitung der Jauche unter dem Schoppen zu der Düngergrube, welche in die Weise verlegt wird, zu führende Canal herzustellen.“ (Protokoll vom 30. April 1890) Im Mai 1890 wird das Vorhaben schließlich bewilligt und durch den städtischen Mauermeister Hans Winter ausgeführt.

Moserhofgasse und Petersgasse, Plan von Graz, 1892, Sammlung Graz Museum/ Stadtarchiv Graz.

August Schneiders Vorhaben zeugt davon, dass Tierhaltung – hier explizit die Haltung von Schweinen – in Graz zu dieser Zeit wohl nicht außergewöhnlich war. Städte sind noch nicht nur Orte für Menschen, sondern auch für Tiere. Dabei denke ich nicht an Haustiere wie Hunde und Katzen, sondern an die vielen Nutztiere, die zum alltäglichen Stadtbild gehören. So sucht zur gleichen Zeit Franz Kremser in der Münzgrabenstraße um eine Bewilligung zur Herstellung eines kleinen Pferdestalles an. (Blogeintrag „Fassaden der Zeit“) Pferde gehören zu dieser Zeit einfach noch zum Straßenbild dazu. So sorgt sich noch 1894 die britische „Times“, dass London zehn Jahre später unter drei Metern Mist begraben sein werde. Pferdemist war das große Problem dieser Zeit.

Jakominiplatz, Ansichtskarte, gelaufen 1904, Sammlung Fez Brook.

Ein Zaun auf Widerruf

Ein kleiner Zeitsprung. Wir sind im Jahr 1911. Die Hauseigentümer sind nun auch andere. So sind im Adressbuch von 1900 schon Josef und Josefa Sommersacher als Eigentümer geführt. Die Hausnummer in diesem Jahr lautet noch 35. Nicht zu verwechseln mit den Nachbarn, die unter der Nr. 33 wohnen. Sie heißen natürlich auch Sommersacher, allerdings sind es Johann und Marie. Vielleicht sind es Verwandte. Vielleicht auch nicht. Mit den Bauakten haben sie jedenfalls nichts zu tun, damit das nur klar ist. Hier geht es um den ersten Sommersacher – den Josef. Und dieser sucht am 30. März „um die Bewilligung zur Ausbesserung des Gartenzaunes“ an.

Das mit dem Zaun ist in diesem Fall so eine Sache. Eine Sache, die noch in den 1930er-Jahren aufkommen wird, so viel schon vorab. Das Problem dabei ist nämlich, dass „die gegenständl. Einfriedung vor der Regulierungslinie liegt.“ Die Regulierungslinie bezeichnet dabei im Städtebau eine Linie, die festlegt, bis wohin ein Grundstück oder Gebäude an einer bestimmten Stelle reichen darf. So einfach ist es in diesem Fall also nicht. Zur örtlichen Prüfung der Sachlage wird somit eine Augenscheinverhandlung für Donnerstag, den 4. Mai 1911, um 9:00 Uhr vormittags einberufen.

Petersgasse 79, Foto Fez Brook, März 2026, Sammlung Fez Brook.

Der Vertreter des Gemeinderates und der Amtstechniker sprechen sich in der Verhandlungsschrift vom 5. Mai 1911 für den Zaun aus. Sie geben an, dass der Zaun sich ca. 3 bis 6 m von der Regulierungslinie befindet, sodass „ca. 250 m² in die Verkehrsfläche einbezogen werden müssten, wenn derselbe in der Baulinie aufgestellt werden sollte.“ Sie sprechen sich somit für die „Erneuerung in der bestehenden Grundgrenze als Provisorium bis auf Widerruf“ aus. Sie argumentieren, dass der Verkehr in der Petersgasse nur gering ist. Dadurch ist eine Straßenverbreiterung nicht notwendig. Außerdem würde durch den Zaun in der Regulierungslinie nur ein Winkel zwischen dem Haus 79 und dem Nachbarhaus entstehen. Weiters geben sie an, dass die Regulierungslinie derart tief schneidet, dass „sogar das Haus Nr. 79 selbst davon getroffen wird.“ „Infolgedessen einigt sich die Kommission dahin, dass der Zaun in der bestehenden Grundgrenze erneuert werden darf und zwar in derselben Art wie der bereits bestehende.“

Die Lesenden der „Tagespost“ und des „Grazer Volksblattes“ erfahren davon bereits am 06. Oktober 1911. In diesen Blättern wird nämlich über die Sitzung am 9. Juni im Grazer Gemeinderat berichtet. Ganz trocken heißt es dort: „Herrn Josef Sommersacher wird die Bewilligung zur Zaunausbesserung bei seiner Liegenschaft Petersgasse 79 erteilt.“ („Grazer Volksblatt“, 10.6.1911)

Petersgasse 79, Foto M. Stipsits, Mai 2026, Sammlung Stipsits.

Wandel der Stadt

In Graz konnten um 1890 neben Menschen unterschiedliche Nutztiere angetroffen werden. Neben Pferden, die auf den Straßen sichtbar waren, konnten Schweinegeräusche aus den Höfen vernommen werden. Doch die Entwicklung der Stadt bleibt nicht stehen. Sinnbildlich hierfür ist erneut der Zaun von Josef Sommersacher, der um eine erneute Ausbesserung desselben ansucht. Inzwischen sind erneut etwas mehr als 20 Jahre vergangen. Waren vielleicht 1911 noch wenige Automobile in Graz zu sehen und die Petersgasse noch wenig befahren, so ändert sich das allmählich. Die Stadt wächst. Um einem möglichen höheren Verkehrsaufkommen begegnen zu können, sind Grundstücksabtretungen notwendig. Das betrifft auch das Haus in der Petersgasse.

Das erneute Ansuchen um eine Zaunausbesserung stammt vom 14. November 1934. Zuerst plant Josef Sommersacher diesen Zaun wohl selbst auszubessern. Die entsprechende handschriftliche Stelle wird dann aber durchgestrichen. Vielmehr wird mit dieser Arbeit der Stadtzimmermeister Josef Papadam beauftragt. Und auch diesmal wird ihm die Zaunerneuerung bewilligt.

Petersgasse 79, Foto M. Stipsits, Mai 2026, Sammlung Stipsits.

Einen kleinen Haken hat nun aber die Sache: eine Grundabtretung. Aufgrund des Stadtratsbeschlusses vom 13. Dezember 1934 wird zwischen Josef und Josefa Sommersacher auf der einen Seite und der Stadtgemeinde Graz auf der anderen Seite ein Grundabtretungsvertrag geschlossen. Das bedeutet aber nicht, dass die Sommersachers gleich etwas abgeben müssen. Vielmehr können sie bis zur tatsächlichen Grundabtretung ihren Zaun aufstellen. Wann die Grundabtretung dann erfolgt ist, lässt sich aus dem Bauakt nicht entnehmen.

Petersgasse 79, Foto M. Stipsits, Mai 2026, Sammlung Stipsits.

Was sich sagen lässt: Die Petersgasse 79 ist nun sowieso Geschichte. Wie schon eingangs geschrieben, wurde inzwischen das Haus abgerissen und der Grund neu bebaut. Das neue Gebäude ist in Grundzügen schon erkennbar. Es scheint für mich als Laie in der Regulierungslinie gebaut worden zu sein. Zur Ästhetik des Hauses lässt sich noch nicht viel sagen. Es scheint aber, als würden hier viele Wohnparzellen auf engstem Raum entstehen. Alles recht nahe an der Straße. Damit hat sich auch die Geschichte des alten Zauns erledigt. Was 1911 noch als Provisorium auf Widerruf genehmigt wurde, ist heute ebenso verschwunden wie das Haus, zu dem er gehörte. Geblieben ist nur die Geschichte davon – und ein Stück Stadt, das sich wieder einmal verändert hat.

Petersgasse 79, Foto Fez Brook, September 2026, Sammlung Fez Brook.
Petersgasse 79, Foto Fez Brook, September 2026, Sammlung Fez Brook.

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