Der Wagenbauer Kern: Bienengasse 30. Teil 2: Zwischen Trauer und Erfolg

Im vorherigen Blogartikel habe ich den Wagenbauer Peregrin Kern vorgestellt. Er errichtete 1864 ein Wohnhaus für Arbeiter in der Bienengasse 30, der damaligen Flohgasse. Sein Name taucht auch in den Zeitungen mehrfach auf, was zu einer etwas tiefergehenden Spurensuche einlädt. Eine weitere wichtige Quelle sind die Grazer Adressbücher.

Bienengasse 30, Foto Fez Brook, 2026.

Eine Spurensuche

In den Adressbüchern zwischen 1862 und 1900 taucht der Name Kern immer wieder im Zusammenhang mit der Wiener Strauße und der Flohgasse – beziehungsweise der späteren Bienengasse – auf. Ich werde jetzt darauf nicht eingehen, um keine Verwirrung zu stiften. Schließlich ändern sich die Hausnummern mehrfach im Laufe der Jahre. Interessant für uns ist, dass im Adressbuch von 1895 erstmals seine Frau Agnes und wohl sein Sohn – ebenfalls ein Peregrin, aber Junior – erwähnt werden. Der Herr Junior wohnt mit seiner Frau Josefine, einer geborenen Meyer, gleich in der Nachbarschaft, wo er ebenfalls eine eigene Werkstatt betreibt. Dazu aber später mehr.

Im Adressbuch von 1900 wird der ältere Peregrin Kern nicht mehr erwähnt. Seine Frau Agnes scheint jedoch weiterhin auf: Sie wird als Eigentümerin des Hauses in der Flohgasse – nun Bienengasse 10 (später Nr. 30) – geführt. Traueranzeigen bestätigen die Vermutung, dass Peregrin Kern inzwischen verstorben ist. Im Nachruf des „Grazer Tagblatt“ des Jahres 1898 wird er als Hausbesitzer und bürgerlicher Wagnermeister bezeichnet, „welcher am 1. August um 1 Uhr morgens nach langem schweren Leiden, versehen mit den heil. Sterbesacramenten, im 81. Lebensjahr sanft im Herrn entschlafen ist“. Agnes Kern, geborene Müller, gibt im eigenen Namen sowie im Namen ihrer Kinder und übrigen Angehörigen den Tod ihres Mannes bekannt. Sie bezeichnet ihn als ihren „innigstgeliebten unvergesslichen Gatten“, zugleich Vater, Schwieger- und Großvater. Drei Jahre später, im Juli 1901, stirbt auch die 75-jährige Agnes Kern, wie der „Arbeiterwille“ berichtet.

„Grazer Tagblatt“, 3. August und 5. August 1898, Sammlung ÖNB/ANNO.

Zwischen Erfolg und Trauer

Die Familie Kern scheint wirtschaftlich durchaus erfolgreich gewesen zu sein. Zumindest lässt die vorhandene Quellenlage vermuten, dass sie finanziell gut situiert war. Neben den Häusern in der Wiener Straße und der Bienengasse verfügte sie offenbar über weitere Grundstücke in der Umgebung. Ein Hinweis darauf findet sich im „Grazer Tagblatt“ vom 21. März 1895. Demnach ließ eine Frau Auguste Moro auf den „zerstückten Peregrin Kern’schen Gründe[n] in der Fröbelgasse“ durch den Stadtbaumeister Pfeiler ein zweistöckiges Wohnhaus mit Kleinwohnungen errichten. Drei Jahre später, im Todesjahr von Peregrin Kern, wurde wiederum eine Versteigerung weiterer Bauplätze in der Bienen- und Hackhergasse angekündigt. Die „Freiwillige Licitation“ sollte am 5. Jänner 1899 stattfinden. Vielleicht diente diese Versteigerung der Auszahlung von Erbansprüchen; dies ist allerdings nur eine Vermutung.

Unklar ist auch, wie viele Nachkommen die Familie Kern hatte. Doch auch hier helfen Zeitungsartikel weiter, die darauf hinweisen, dass das Ehepaar Kern nicht nur Erfolge, sondern auch immer wieder Phasen der Trauer durchlebte. So stirbt 1856 ihr zwei Tage alter Sohn Johann. Zu diesem Zeitpunkt steht Agnes im 30., ihr Ehemann Peregrin im 39. Lebensjahr. Doch auch weitere Kinder des Ehepaars sterben früh: Im Jänner 1859 stirbt der drei Wochen alte Carl, drei Monate später die elfjährige Juliana. Ihr Sohn Cajetan wird 1862 bereits nach neun Tagen zu Grabe getragen. Der erst zweijährige Sohn Rupert stirbt schließlich 1867.

Umgang mit dem Tod

Im Hinblick auf frühere Zeiten wird immer wieder auf die Allgegenwärtigkeit des Todes hingewiesen, der zum Alltag der Menschen gehörte. Die Kindersterblichkeit war hoch. So schreibt Dr. Mathias Macher in seinem 1860 erschienenen Werk „Medizinisch=statistische Topographie des Herzogtumes Steiermark“, dass 34 % der Kinder in der Steiermark den ersten Monat nicht überlebten. Im ersten Lebensvierteljahr stirbt dabei „beinahe die Hälfte der Kinder (48,8 %)“, so Macher auf Seite 158. Die Gründe für die hohe Säuglingssterblichkeit in den ersten Lebenstagen, -wochen und -monaten waren vielfältig. Krankheiten und die schlechte medizinische Versorgung, Hygienebedingungen, mangelnde Säuglingspflege, vernachlässigtes Stillen oder zu kurze Stillzeiten konnten zur Schwächung des Kindes und schließlich zu seinem Tod führen.

Dem Tod, der noch nicht in die Krankenzimmer der Krankenhäuser verbannt war, wurde mit unterschiedlichen Trauerritualen begegnet. Es gab Sterbezimmer, in denen der Leichnam, umgeben von Kerzen und Blumen, aufgebahrt wurde. Die Trauerfarbe Schwarz wurde getragen, und Stille herrschte im Haushalt. Über das Ableben informierten die Zeitungen, die auch Nachrufe veröffentlichten. Im Hinblick auf den Tod der Kinder von Agnes und Peregrin Kern finden sich jedoch nur kurze Mitteilungen, die über den Vater, den Wohnort des Kindes, sein Alter und die Todesursache informieren. Die Mutter wird nicht einmal erwähnt und bleibt in ihrer Trauer unsichtbar. Was also in Agnes, aber auch in Peregrin vorging, kann nur vermutet werden. Unklar bleibt auch, wie die Familie mit der Trauer umging: Schwieg sie über den Verlust, oder fand sie Zeit und Kraft, darüber zu sprechen?

Ein Anbieter für geschmackvoll arrangierte Grabkränze war um 1910 Anton Zink, Sammlung Fez Brook.

Zwischen Handwerk und Trauer

Ich weiß nicht, wie viele Kinder die Familie Kern insgesamt hatte. Aus den Zeitungen geht jedoch hervor, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ihr Sohn Peregrin Kern jun. wohnte und als Wagner tätig war. Er war einer der Pioniere der Skierzeugung, der es vermochte, „nach norwegischen Mustern ein sehr gutes Sportgerät herzustellen“ („Grazer Volksblatt“, 03.09.1931). Auch „d’Gachen“, die Bergsteigerriege der Grazer Turnerschaft, ließ sich von ihm ihr Wintergerät herstellen, wie in einer Ausgabe des „Grazer Volksblatts“ vom 16. Februar 1936 in einem Rückblick auf die Anfänge des Wintersports in der Steiermark berichtet wurde. (Als ich den Blogartikel zu den „Gachen“ schrieb, wusste ich noch nicht, dass sich daraus irgendwann auch eine Verbindung zu einer Hausgeschichte ergeben würde.)

„D’ Gachen z. Graz“, Ansichtskarte, auf Karton aufgeklebt, Rückseite daher überklebt, 1903, Sammlung Fez Brook.

Peregrin Kern jun. war aber nicht nur auf dem Gebiet der Herstellung von Wintersportgeräten erfolgreich. Er war auch an der Herstellung eines Leichenwagens für die Liebenauer Bestattungsanstalt „Friede“ beteiligt, der für die Bestattung junger Menschen bestimmt war. Das „Grazer Volksblatt“ stellte diesen als einen „schönen Beweis der Leistungsfähigkeit unserer Gewerbetreibenden“ vor: „Der Wagen ist ganz in Weiß und Gold gehalten und sind es besonders die Bildhauerarbeiten, welche allgemeine Bewunderung erregen. Das Symbol gebrochener Jugendkraft, eine geknickte Lilie, wurde stilvoll und ebenso hübsch verwertet. Erbaut wurde der Wagen von Wagenbauern Peregrin Kern und Simon Horvath, Wienerstraße, die Glasarbeiten wurden von Jakob Stark, die Bildhauerarbeiten von Bartholomäus Gorendschek und Florian Pichler, die Vergolderarbeiten von Wilhelm Sirach, die Lackierung von Paul Wohlfahrt, die Posamentierarbeiten von der bekannten Firma Steudel ausgeführt.“ („Grazer Volksblatt“, 19.12.1913)

Dieser letzte Zeitungsartikel führt uns wieder zu den Themen Erfolg und Trauer zurück, die sich wie ein roter Faden durch die Familiengeschichte ziehen. Der Leichenwagen steht dabei für die öffentliche Gestaltung des Abschieds, im Gegensatz zu dem Trauerprozess, der sich hinter der Fassade der Familie abspielte und über den wir nichts wissen.

Hier geht es zum Teil 1: Ein kleines Wohnwunder

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