
Auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person – dem Fotografen Ludwig Laaber – habe ich im Stadtarchiv Graz die Bauakten des Hauses Bergstraße 50 eingesehen. Kurz gesagt: Ich wurde nicht fündig. Stattdessen stieß ich auf einen Oberchauffeur der Firma Greinitz sowie auf einen Hinweis auf das „Lager Feldbach“. Und wie so oft warf die Recherche mehr Fragen auf, als sie beantworten konnte.
Ein Ober-Chauffeur baut sich ein Haus
Am 11. November 1920 richtet die Landesregierung eine Anfrage an die Marktgemeinde Eggenberg, ob Franz Wagner, Oberchauffeur der A. G. Greinitz, eine Baubewilligung erteilt worden sei. Dieser hatte nämlich „um käufliche Überlassung einer Baracke aus dem Lager Feldbach zum Baue einer Notwohnung in seinem Garten in Algersdorf bei Graz angesucht.“ Die Antwort aus Eggenberg – damals noch eine selbständige Marktgemeinde – folgt am 14. Dezember. Darin heißt es, dass das Ansuchen um Baubewilligung vom Oberchauffeur eingebracht wurde und eine entsprechende Baukommission in Kürze stattfinden werde.

Interessant ist dabei, dass es sich offenbar nicht um einen Neubau handelt, sondern um eine Baracke, die aus Feldbach nach Eggenberg transportiert werden sollte. Die Rede ist von einer Notwohnung – ein deutlicher Hinweis auf die schwierigen Verhältnisse der Nachkriegszeit. Zur Erinnerung: Der Erste Weltkrieg endete im November 1918. Bei dem erwähnten „Lager Feldbach“ dürfte es sich um das Kriegsgefangenenlager Feldbach handeln, was auch für Forscherinnen und Forscher zum Ersten Weltkrieg von Interesse sein könnte.
Recycling im Wohnbereich
In den Zeitungen jener Zeit findet sich einiges über das Kriegsgefangenenlager in Feldbach. Auch Artikel über den Verkauf der Baracken sind nachweisbar. Das Interesse an einer Versteigerung der Baracken scheint im Oktober 1919 jedoch gering gewesen zu sein. So berichtet das „Grazer Volksblatt“, dass
„am 20. Juni im Lager Feldbach die Versteigerung von 20 Baracken und zwar: 3 Baracken am Staatsbahnhofe, 5 Objekte beim Steinbruche Weißenbach, 7 Objekte im Wirtschaftshofe und 6 Baracken der Lagergruppe 10 durchgeführt wurde. Von den 7 Objekten im Wirtschaftshofe wurde nur eine einzige Baracke an den Mann gebracht. Von den 6 Baracken der 10 wurde gleichfalls nur eine Baracke, und zwar um den Ausrufpreis veräußert. Für die Baracke am Bahnhofe fand sich überhaupt kein Bewerber und wurde lediglich ein offener Schuppen von dem Maschinenfabrikanten Krobath erstanden.“ („Grazer Volksblatt“, 04.10. 1919)
Das fehlende Interesse an der Versteigerung wird damit erklärt, dass die Lagerverwaltung die Baracken auch auf anderem Wege verkaufen würde, wodurch ein Erwerb bei der Versteigerung nicht notwendig erschien. Bereits im Januar 1920 ist zu lesen, dass seit „der Auflassung des Lagers […] über drei Viertel der Anzahl der früheren Baracken verschwunden“ seien („Grazer Volksblatt“, „Morgenblatt“, 16.1.1921).
Eine (Gefangenen-)Baracke als Wohnhaus?
Nun eröffne ich die Fragenrunde, da ich nicht nur Antworten geben kann. Die Frage, wie eine Baracke damals nach Graz gelangte, lässt sich zumindest teilweise beantworten, ohne im Detail darauf einzugehen. So findet sich in den Zeitungen auch eine Anzeige eines Josef Suppan, Stadtmauermeisters aus Feldbach – „Bitte, meinen Namen genau zu beachten!“, heißt es darin. Er bietet unter anderem das „Abtragen und Abtransport von Baracken“ aus dem Lager Feldbach an („Tagespost“, „Morgenblatt“, 28.11.1920).

Im Dezember 1923 erhält schließlich der Oberchauffeur der Firma Greinitz, namentlich Franz Wagner, einen „Bewohnungs- und Benützungskonsens“. Damit bekommt Hans Krippe, ein Kantineur, der sich 1902 die Nachbarsvilla erbaut hatte, einen Nachbarn. Aus dem Protokoll vom 12. Juli 1921 geht bereits hervor, dass das neue Haus sich „in einem Abstande von 4 m von der Grundgrenze des Besitzers“ Hans Krippe befinden werde. Weiter heißt es darin: „Das Gebäude, welches Zimmer, Kabinett, Küche, Abort und Vorraum enthalten soll, wird nur unterhalb des Küchenraumes unterkellert. Das Objekt wird gemauert und mit Ziegeln eingedeckt. Die Mauern sind genügend stark dimensioniert.“
Das klingt jedenfalls nicht nach einer Baracke, obwohl das Seitenbild im Architekturplan eher an ein Holzhaus erinnert. Es entspricht jedoch auch nicht eindeutig dem Bild einer Baracke. Unter dem Plan findet sich jedenfalls der Name von Anton Bauer, dem Stadtbau- und Zimmermeister aus der Volksgartenstraße 6. Das heutige Haus in der Bergstraße 50 dürfte ebenfalls nicht dem im Plan dargestellten Gebäude entsprechen. An dieser Stelle ist lediglich anzumerken, dass ich nur die Bauakte bis 1938 einsehen konnte, da diese als Archivgut der Allgemeinheit zugänglich ist.
Wurde die Baracke vielleicht doch nicht aufgestellt? Oder wurde sie errichtet, und das heutige Haus entstand erst später, sodass ich die entsprechenden Pläne nicht einsehen konnte?
Eine kurze Hausfreude
Es scheint jedenfalls, dass Franz Wagner nicht allzu lange Freude an seinem Haus hatte. Im Adressbuch von 1925 scheint sein Name nämlich bereits in Verbindung mit der Adresse Alte Poststraße auf. Als Eigentümer der Göstingerstraße 35 wird hingegen ein Heinrich Korochetz genannt. 1930 befindet sich das Haus schließlich bereits im Eigentum von Josef und Anna Schmidt.
Dass hier unterschiedliche Adressen auftreten, ist kein Fehler: In den Akten finden sich sowohl die Göstingerstraße 35 als auch die Bergstraße 50. In den Adressbüchern von 1925 und 1930 ist die Bergstraße 50 jedoch noch nicht verzeichnet.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
Die Bauakten sind im Stadtarchiv Graz einzusehen.
Hier geht es zum Artikel „Unverzichtbare Notwendigkeiten der Firma „Greinitz““
